Die vergessenen Veteranen

Lateinamerika, Sozialer Protest

Jeden Tag nach der Arbeit setzt sich Luis Giannini in sein Auto. Er fährt die Stadtautobahn entlang, vorbei an grauen Wohnhäusern, die 20 Kilometer bis ins Zentrum von Buenos Aires. In der Nähe des pinken Präsidentschaftspalastes parkt er seinen Wagen. Dann verschwindet er in einem kleinen Verschlag aus Holz und Plastik, der am Rand des Platzes zwischen den Bäumen steht. In der Nähe stecken 17 weiße Holzkreuze in der Wiese. Dahinter die Skulptur eines gefallenen Soldaten. Umgeben von großen Plakaten, die der kühle Herbstwind unermüdlich wegzureißen versucht. »Wir erinneren uns und fordern Gerechtigkeit«, steht darauf geschrieben.

Der schwarze Verschlag, der einem Feldlager ähnelt, wurde von ehemaligen Soldaten des Falklandkrieges errichtet. Aus Protest. Denn sie werden vom argentinischen Staat als Kriegsveteranen nicht anerkannt. Weil sie an der argentinischen Küste stationiert waren und die Malvinas – wie die Inseln in Argentinien heißen – nie betreten haben.

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Es war im April 1982, als die argentinische Militärjunta überraschend den bewaffneten Konflikt mit Großbritannien vom Zaun brach. Es geht um ein karges Stück Land im Südatlantik, auf dem hauptsächlich Pinguine und ein paar Tausend Menschen leben. Seit 1833 gehören die Falklandinseln politisch zum 12.735 Kilometer weit entfernten Großbritannien. Das geographisch näher liegende Argentinien stellt seit jeher Ansprüche darauf. Weil Diktator Leopoldo Galtieri 1982 von innenpolitischen Problemen und der drohenden Wirtschaftskrise abzulenken versucht, schickt er kurzerhand seine Truppen auf die Inseln, um tags darauf triumphierend die Rückeroberung der Malvinas zu verkünden.

Das unter der Militärdiktatur geschundene Volk jubelt. Menschen ziehen durch die Straßen der Hauptstadt, schwenken Fahnen und feiern ihre tapferen Soldaten. Aber schon bald schlägt der Jubel ins Gegenteil um. Denn die Rechnung hatte Argentiniens Diktator ohne die bestens ausgebildeten Streitkräfte Großbritanniens gemacht: Nach 649 Gefallenen und 74 Tagen Krieg mussten die argentinischen Soldaten ihre Waffen abgeben. »Wir gingen als Helden fort und kamen als Versager zurück«, erinnert sich Luis Giannini an den Tag, als er aus dem Krieg heimkehrte. Mitten in der Nacht brachte man die Soldaten in die Kasernen. Die Fenster der Busse waren mit Tüchern verhängt und man verbot ihnen, über den Krieg zu sprechen. »Sie haben uns versteckt«, sagt er. So, als hätte es nie einen bewaffneten Konflikt gegeben. So, als hätte Argentinien den Falklandkrieg nie verloren.

Seit dem Krieg sind 32 Jahre vergangen. Dass der Staat sie bis heute als Kriegsveteranen nicht anerkennt, können die Männer auf dem Platz vor dem Präsidentschaftspalast nicht nachvollziehen. »Es waren nicht nur Soldaten auf den Falklandinseln vom Konflikt betroffen, sondern auch wir, die wir am Kontinent Befehle ausgeführt haben«, sagt Luis. Er fungiert als Sprecher der Gruppe, die sich »Veteranen des Operationsgebietes Südatlantik« nennt. Ihr gehören rund 400 ehemalige Soldaten an. Sie alle waren während des Falklandkrieges auf den Militärbasen an der Atlantikküste stationiert. Vor sechs Jahren haben sie sich zum Protest organisiert. Luis schätzt, dass sich landesweit bis zu 8.000 Männer in einer ähnlichen Situation befinden. Wie viele es genau sind, kann er aber nicht sagen. Offizielle Rekrutenlisten gibt es nicht.

»Das Schlimmste am Krieg war die Zeit danach«, sagt Luis. Die Argentinier waren auf eine Niederlage nicht vorbereitet und damit beschäftigt, zur Demokratie zurückzufinden. Die jungen Männer, die aus dem verlorenen Krieg heimkehrten, wurden von Staat und Gesellschaft im Stich gelassen. »Diese Gleichgültigkeit bringt dich um«, sagt er und deutet auf seine vernarbten Handgelenke.

Tatsächlich nahm sich der Staat erst zehn Jahre nach Kriegsende, in den frühen Neunzigern, der Kriegsveteranen an. Die Selbstmordraten hatten alarmierende Höhen erreicht. Die Politik versuchte mit Gesetzen gegenzusteuern, versprach finanzielle und psychologische Unterstützung. »Wir waren in diesen Gesetzen inkludiert«, erklärt Luis. Doch dann wurde infrage gestellt, ob es sich bei den am Kontinent stationierten Wehrpflichtigen tatsächlich um Kriegsveteranen handelte. »Uns wurde gesagt, wir gehörten nicht dazu, weil wir die Falklandinseln nie betreten hatten.« Die Gesetze wurden mehrfach reformiert und die Definition, welche Gebiete zum Kampfschauplatz des Falklandkrieges gehörten, wiederholt abgeändert. Am Ende waren jene Soldaten, die auf den Malvinas, in der Luft und in der Kriegszone im Meer stationiert waren, offiziell anerkannt. Die Kontinentsoldaten nicht.

Das Problem liegt in der unvollständigen Dokumentation des Falklandkrieges. Viele der offiziellen Berichte, die Antworten auf offene Fragen geben könnten, halten sowohl der argentinische als auch der britische Staat bis heute unter Verschluss. Historiker sprechen von einer »Desmalvinización«, von der Verdrängung des Konflikts, den man der Militärdiktatur zurechnet. Um zu verstehen, was während des Krieges tatsächlich passiert ist, kann man demnach nur auf Erfahrungs- und Zeitungsberichte zurückgreifen. »Viele der anerkannten Veteranen stellen es so dar, als wären wir am Kontinent auf Urlaub gewesen«, sagt Luis Giannini. Für ihn sieht die Realität anders aus.

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Nur wenige Häuserblocks vom Präsidentschaftspalast entfernt, im illustren Stadtteil San Telmo, befindet sich die Kanzlei von Roberto Martínez. Er ist Rechtsanwalt und hat sich 2010 dem Thema der Kriegsveteranen angenommen. Über 1.000 Fälle sind es, die er mit zwei Mitarbeitern aktuell bearbeitet. Für ihn ist die Sache klar: Die Männer haben die staatliche Anerkennung verdient.

»Die britischen Flotten wurde aus der Luft attackiert. Doch die Kampfjets starteten nicht auf den Malvinas sondern auf dem Kontinent«, sagt er. Auch Transportflüge zu den Falklandinseln wären von Küstenstädten wie Trelew, Comodoro Rivadavia, Río Gallegos oder Río Grande aus geführt worden. Und ohne die Soldaten am Boden wäre ein Krieg gar nicht möglich gewesen. Demnach handelte es sich bei den Militärbasen an der Küste um strategisch wichtige Punkte. Und diese hätten von Einheiten der britischen Streitkräfte jederzeit angegriffen werden können.

Luis Giannini zeigt auf die 17 Kreuze neben dem Plastikverschlag. »Die ersten Toten gab es am Kontinent.« Gut erinnert er sich an das schallenden Pfeifen der Sirenen, das höchste Alarmstufe bedeutete. An die kalten, nassen Nächte, die er im Schützengraben verbrachte und auf das Meer hinausstarrte. Die geladene Waffe immer griffbereit. »Irgendwann in der Früh kamen unsere Vorgesetzten und erzählten von einem abgestürzten Helikopter.« Erst später sollte er erfahren, dass die Briten den Helikopter abgeschossen hatten. Dass zwei feindliche U-Boote vor der Küste kreuzten. Und dass am Kontinent britische Elitesoldaten aufgegriffen worden waren. »Mir kann niemand erzählen, dass ich nicht im Krieg war«, sagt er.

Alle Männer auf dem Platz erzählen ähnliche Geschichten und versichern: Hätten sie die Militärbasen am Kontinent nicht verteidigt, hätten die Briten Flugzeuge am Boden in die Luft gesprengt und die argentinischen Piloten im Schlaf getötet. Als ein Pilot des britischen Special Air Service im Jahr 2008 ein Buch über den Falklandkrieg veröffentlicht, bekommen ihre Aussagen überraschend Unterstützung vom ehemaligen Feind. Es gab Infiltrierungsversuche, schreibt Richard Hutchings, der das Buch im April neu aufgelegt hat. Auf Anfrage bestätigt er seine Aussagen. Er selbst habe einen der Hubschrauber geflogen, der britische Soldaten auf das argentinische Festland brachte.

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»Das Absurde ist, dass die Namen der 17 am Kontinent gefallenen Soldaten in den Listen der Kriegshelden auftauchen«, sagt Rechtsanwalt Roberto Martínez. Anfang der Neunziger ließ der damalige Präsident Carlos Menem in der Nähe des Hauptbahnhofes ein Denkmal für die Toten des Falklandkrieges errichten. 649 Namen wurden in Stein gemeißelt. Auch die der Besatzung des abgeschossenen Helikopters. Die Hinterbliebenen erhalten heute finanzielle Zuwendungen vom Staat. »Um als Kontinentveteran anerkannt zu werden, muss man tot sein«, schließt Roberto Martínez daraus. »Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.«

Dabei geben internationale Abkommen, wie etwa die Genfer Konvention, den Kontinentsoldaten eigentlich recht. Auch der französische Veteranenverband ARAC hat sich die Situation angesehen und kam zu dem Schluß, der Staat müsse die Männer anerkennen. Selbst Richard Hutchings, der ehemalige Pilot des britischen Special Air Services, erklärt sich mit den Kontinentsoldaten solidarisch. National wäre eine Anerkennung leicht umzusetzen. »Es müsste ein einziges Gesetz reformiert werden«, sagt Roberto Martínez, kramt in seinen Unterlagen und legt einen entsprechenden Gesetzesentwurf aus dem Jahr 2012 auf den Tisch. Doch passiert ist bisher nichts.

Den Grund für die Untätigkeit der argentinischen Regierung kennt eine Frau, deren Büro sich im siebten Stock eines modernen Glaskomplexes direkt gegenüber des Kongressgebäudes befindet. Patricia Bullrich ist Nationalratsabgeordnete der Opposition und hat den Gesetzesentwurf gemeinsam mit drei Kollegen im Abgeordnetenhaus eingebracht. »Hier geht es ums Geld«, sagt sie. Denn: Wer als Kriegsveteran anerkannt wird, hat Anspruch auf finanzielle Unterstützungsleistungen vom Staat und eine erhöhte Pension. »Das Problem ist, dass man nicht genau weiß, wie viele Männer für den Falklandkrieg eingezogen wurden. Die Regierung hat Angst, dass die Kosten ins Unendliche steigen könnten und zieht es deshalb vor, gar nichts zu machen«, erklärt sie.

Der Gesetzesentwurf wurde im Abgeordnetenhaus abgelehnt. Patricia Bullrich brachte ihn ein zweites Mal ein. Wieder negativ. »Sehr viel mehr kann ich als Oppositionelle nicht machen«, sagt sie. »Hier müsste die Regierung die Initiative ergreifen.«

Manche der ehemaligen Soldaten sind mit ihren Forderungen inzwischen vor Gericht gezogen. Doch für diesen Weg braucht es einen langen Atem und viel Geduld, weiß Roberto Martínez. »Es ist schwierig einen Richter zu finden, der sich der Sache annimmt«, sagt er. »Und dann werden die Fälle über Jahre hinweg verschleppt.« Auch er glaubt, dass es hauptsächlich ums Geld ginge. Der Falklandkrieg wäre ein heikles Thema und die Aufarbeitung der Militärdiktatur habe gerade erst begonnen. »Man zieht es vor, die Kontinentveteranen auf dem Platz vor dem Regierungspalast zu belassen, als eine konkrete Entscheidung zu treffen«, sagt er. Um ja nichts falsch zu machen, um niemandem auf den Schlips zu treten. Dabei liegt seit 2010 ein Urteil des Obersten Gerichtshofes vor, das die Anerkennung der Kontinentsoldaten als Kriegsveteranen verlangt. »Aber das interessiert niemanden«, sagt er.

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Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner lebte zur Zeit des Krieges an der Atlantikküste. Am Gedenktag zu Ehren der Gefallenen der Malvinas erinnert sie sich in ihrer Rede an die nächtlichen Fliegeralarme. Daran, dass die Bewohner von Río Gallegos Häuser und Autos verdunkeln mussten. Dass die Gefahr bestand, die Stadt könnte vom Feind bombardiert werden. Würde sie heute auf den Balkon des Präsidentschaftspalastes hinaustreten und ihren Blick über den Platz schweifen lassen, käme sie nicht umhin, auch die Worte auf den Plakaten der Kontinentveteranen zu lesen.

Seit sechs Jahren halten die »Veteranen des Operationsgebietes Südatlantik« inzwischen auf dem Platz vor dem Präsidentschaftspalast die Stellung. Jeden Tag, 24 Stunden. Selbst zu Weihnachten und Neujahr ist jemand unter den Plastikplanen anzutreffen. Als sie das Camp errichteten, glaubten die Männer, innerhalb weniger Wochen wieder abziehen zu können. Doch sie hatten sich geirrt. Während Luis Giannini seine Geschichte erzählt, wandert sein Blick immer wieder ins Leere. Bis heute lassen ihn die Erinnerungen an den Krieg nicht in Ruhe. Die Anerkennung würde ihm Frieden geben, glaubt er. Er würde sich nicht mehr als Versager fühlen. Und die Männer könnten das Camp endlich abbauen. Mit der Vergangenheit abschließen. »Wir sind unglaublich müde, aber wir müssen weitermachen«, sagt er. So lange, bis die Politik reagiert.

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