Fotograf aus der Favela

Globale Ungleichheiten, Lateinamerika

Das Bild hat sich in seinem Kopf eingebrannt: Drei Jugendliche, die normalerweise Waffen in ihren Händen halten, stehen jetzt um eine Kamera herum. Während die Maschinengewehre hinter ihnen an eine Hauswand gelehnt sind, betrachten sie die Fotos auf dem kleinen Display. Die jungen Männer sind begeistert, für einen Moment haben sie alles um sich herum vergessen. Und Bruno Itan hat eine Idee: Die Teenager seiner Favela sollten Fotos schießen, keine Menschen mehr.

Die Geschichte des heute 26-Jährigen wirkt, als wäre sie einem Hollywoodstreifen mit Happy End entsprungen. Tatsächlich erinnert sie an die Erzählungen des brasilianischen Schriftstellers Paulo Lins, dessen Buch »City of God« 2002 unter gleichnamigem Titel verfilmt wurde und weltweit Erfolge feierte. Thema: Das Leben innerhalb der gewalttätigen Sphären der »Stadt Gottes«, einer Favela in Rio de Janeiro, die in den 70er-Jahren Schauplatz brutaler Bandenkriege wurde. Protagonist im Film ist Buscapé, ein schwarzer Junge, der im Armenviertel groß geworden ist, sich aber von den Drogengangs fernzuhalten versucht. Er arbeitet als Austräger für eine Tageszeitung, kauft um das zusammengesparte Gehalt eine Kamera und wird zu einem leidenschaftlichen Fotografen. Als die Kämpfe in der »City of God« eskalieren, schafft er es als Einziger, Bilder davon zu machen. Das bringt ihm letzten Endes nicht nur die Bewunderung der Zeitungsjournalisten sondern auch eine Anstellung als Fotograf ein.

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Überträgt man diese Geschichte in das Jahr 2010, lässt sie im 15 Kilometer weit entfernten »Complexo do Alemão« spielen und als Protagonist einen weißen Jungen auftreten, landet man unweigerlich bei Bruno Itan. Dieser blickt jetzt auf ein Meer aus Ziegelhäusern, das die flachen Hänge wie ein enges Kleid umspannt. Darüber schweben rote Gondeln, bewegen sich über Brunos Kopf hinweg und fahren dann mit einem lauten Knacken in die Seilbahnstation »Alemão« ein. In der Ferne flattern bunte Papierdrachen im Wind, zwischen den Rohbauten blitzen blaue Wassertanks hervor – das typische Bild einer brasilianischen Favela. Bruno ist im »Complexo do Alemão« aufgewachsen, einer Ansammlung aus 15 Armenvierteln, die sich auf einer Hügellandschaft im Norden von Rio de Janeiro ausbreitet. Geschätzte 70.000 Bewohner zählt der Komplex, wieviele es wirklich sind, kann aber niemand sagen.

Brunos Geschichte beginnt mit der Arbeit als Billeteur in einem Kino. »Dort kam ich das erste Mal mit audivisuellen Medien in Kontakt«, erzählt er. Die Bilder begeisterten ihn und die unzähligen Filme, die er im Kino sah, schärften seinen Blick. Von diesem Zeitpunkt an – Bruno war gerade einmal sechzehn – wollte er nichts anderes mehr, als Fotograf werden. Er wechselte vom Kino zu einer Tankstelle, wo er begann, Autos zu waschen, und das hart verdiente Geld sparte, bis er sich mit 19 seine eigene Kamera leisten konnte. Noch heute bewahrt er die Sony mit schwenkbarem Display zuhause auf, als wäre sie ein wertvoller Schatz. Es war diese Kamera, die ihm das Tor zu seinem neuen Leben öffnete.

Lange Zeit war der »Complexo do Alemão« ein Ort, an den sich Journalisten nur selten wagten. Für die Medien waren die brasilianischen Favelas Synonyme für Drogenkriege und Bandenkriminalität. Das zumindest war das Bild, das sie davon vermittelten. Nicht so Bruno. »Ich wollte die schönen Seiten der Favela zeigen«, sagt er. Für ihn war sein Zuhause mehr, als nur ein hässlicher Drogensumpf.

Immer wenn Bruno Zeit hatte, zog er mit seiner Kamera durch die Straßen und dokumentierte vor allem eines: den ganz normalen Alltag im »Complexo do Alemão«. Einen Nachmittag am See mitten in der Favela, spielende Kinder und alte Leute, zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Schwer bewaffnete Bandenmitglieder, ermordete Drogenhändler, Gewalt und Elend interessierten ihn wenig. Nur im November 2010 sollte alles ein bisschen anders sein.

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Im Vorfeld von Fußball-Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen hatte die Regierung von Rio de Janeiro damit begonnen, einen Teil der über 1.000 Elendsviertel der Stadt zu pazifizieren. Das heißt: sie mittels Militäroperationen von Kriminellen zu säubern und der Kontrolle des Staates zu unterwerfen. Lebhaft schildert Bruno, wie eines Tages gepanzerte Fahrzeuge in den »Complexo do Alemão« vorrückten und schwer bewaffnete Soldaten die engen Gassen der Favela stürmten. Mit im Schlepptau: eine Meute Journalisten in kugelsicheren Westen.

Wenn er heute von diesem warmen Sommermonat erzählt, lacht Bruno. So, als könnte er seine eigene Geschichte selbst nicht ganz glauben. Während man den Pressefotografen nur erlaubte, sich hinter den Soldaten den Hügel hochzubewegen, war Bruno mittendrin im Geschehen. Und nicht nur das. Er kannte die Favela wie die eigene Westentasche, hatte so etwas wie einen Heimvorteil. 400 Fotos schoß er an diesem Tag, vielleicht mehr, sagt er. Dabei bannte er auch heikle Szenen auf den Chip seiner Kamera. Mit vorgehaltener Waffe zwang ihn ein Polizist später, einen Großteil der Bilder zu löschen. »Nur dreißig Fotos habe ich wiederherstellen können«, sagt Bruno. Manche davon erschienen am nächsten Tag in brasilianischen Zeitungen.

Heute lebt Bruno in einem kleinen Haus in der Nähe der Seilbahn-Station, zu dem man durch eine enge, unwegsame Gasse gelangt. Neben dem Eingang befindet sich eine kleine Küche, ein Stockwerk höher Brunos Schlafzimmer. Darin hat gerade einmal ein Bett Platz, für mehr Möbel ist der Raum zu klein. Über eine enge Wendeltreppe geht es auf das Dach des Hauses. Eigentlich hätte Bruno das Geld, sich eine Wohnung außerhalb der Favela zu leisten. Doch er hat beschlossen, zu bleiben. »Die Jugend hier braucht Vorbilder«, sagt er.

Nach der Besetzung des »Complexo do Alemão« widmete sich Bruno Itan wieder der Dokumentation des Favela-Alltags. Zu diesem gehörte auch der Bau der neuen Seilbahn, die heute den gesamten Komplex miteinander verbindet. Als sie im Sommer 2011 feierlich eröffnet wurde, waren es Brunos Bilder, die in einer der Stationen großformatig ausgestellt wurden. Die Erinnerung an diesen Tag lässt ihn euphorisch werden. Er springt auf, gestikuliert wild und zeigt, wie das damals ablief. Denn an diesem Tag sollte niemand Geringeres als die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff auf Bruno aufmerksam werden.

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In einer kleinen Kommode neben der Wendeltreppe bewahrt Bruno alles auf, das mit der Fotografie zu tun hat: alte Lehrbücher, die er irgendwann einmal auf einem Flohmarkt gekauft hat, Zeitungen, in denen seine Bilder erschienen sind, einen Schnappschuss mit der Präsidentin und einen Brief der britischen Königsfamilie. Diesen hat ihm die Botschaft Großbritanniens zukommen lassen, nachdem Prinz Harry einmal den »Complexo do Alemão« besucht hat. Zwischen all den Schätzen kramt Bruno ein Foto hervor. Darauf zu sehen: er selbst mit einem strahlenden Lachen im Gesicht und einer großen Kamera um den Hals. »Der erste Arbeitstag im Palácio Guanabara«, sagt Bruno.

Denn Präsidentin Dilma Rousseff war nicht alleine zur Eröffnung der Favela-Seilbahn gekommen. Mit dabei war auch Sérgio Cabral, Sohn eines Journalisten und Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro. Er war begeistert von Brunos Fotos und bot dem 23-Jährigen kurzerhand einen Job als Fotograf in seiner Presseabteilung an, in der darauffolgenden Woche sollte er im Regierungspalast Guanabara vorstellig werden. »Ich dachte, das wäre ein Scherz und ging nicht hin«, lacht Bruno. Erst als man ihm telefonisch mitteilte, dass er am Fuße des »Complexo do Alemão« mit einem Auto abgeholt würde, dämmerte ihm, dass all das kein Traum war.

Heute erscheint Bruno in Anzug und Krawatte zur Arbeit. Er begleitet den Governeur von Rio de Janeiro bei offiziellen Terminen, war in Brasília und São Paulo. Einmal durfte er sogar mit nach China. Auch wenn sein neues Leben aufregend ist, findet Bruno seine Lieblingsmotive immer noch zuhause am Favela-Hügel. Darum streift er an seinen freien Wochenenden auch heute noch durch die engen Gassen des »Complexo do Alemão«, immer bewaffnet mit Kamera und Objektiv, jederzeit bereit, abzudrücken. Nur eine Sache ist jetzt anders: er ist nicht mehr alleine unterwegs, sondern gemeinsam mit den Mitgliedern des von ihm gegründeten Fotoklubs. Brunos Ziel: den Jugendlichen der Favela Perspektiven außerhalb von Drogenhandel und Kriminalität aufzuzeigen. Denn sie sollten Fotos schießen, keine Menschen mehr.

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Gott in der Stadt Gottes

Globale Ungleichheiten, Lateinamerika

Sergio will hoch hinaus. Zuerst führt ihn sein Weg durch enge Gassen, immer bergauf. Er schreitet nacktes Mauerwerk entlang, danach unzählige Treppenstufen empor. Entschlossen geht er an halb geöffneten Türen, provisorisch abgeklemmten Stromkabeln und lauter Funk-Musik vorbei. Am Schluss lehnt Sergio Barriga eine Holzleiter gegen den roten Felsen und klettert nach oben. Er breitet die Arme aus und deutet Richtung Horizont. »Das ist sie, die Stadt Gottes.«

Wenn Sergio spricht, dann mit leiser, eindringlicher Stimme. »Sollte dir hier irgendjemand Probleme machen, ruf mich an«, sagt er. Es ist die Aura eines Bösewichts, die ihn umgibt. Eine große Uhr schmückt sein Handgelenk, um den Hals baumelt eine lange Kette. Arme und Beine sind von dunklen Narben überzogen, der Kopf kahl geschoren. Der 55-Jährige ist in der Stadt Gottes aufgewachsen – einst eine der berüchtigsten Favelas in Rio de Janeiro.

Das Viertel wurde seinem Namen vermutlich noch nie gerecht. Der Alltag der rund 47.000 Bewohner war von Armut, Drogenhandel und Bandenkriegen geprägt. »Du hast noch nie eine Schießerei gesehen?«, wundert sich Sergio, während er Daumen und Zeigefinger zu einer Pistole formt. »Bang, Bang, Bang, Bang!« Wieviele Schießereien er schon miterlebt hat, weiß er nicht. »Es waren viele«, sagt er unbeeindruckt, für ihn Normalität.

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Favela, das steht für ein Leben am Rand der Gesellschaft. Wer hier wohnt, gehört wahrscheinlich zu den 20 Prozent Brasilianern, die unter der Armutsgrenze leben. Der Staat: abwesend. Es fehlen funktionierende Strom- und Wasserleitungen, die Straßen sind oft nicht asphaltiert, in den Flüssen sammelt sich der Müll. Wenn man als Bewohner Probleme hat, geht man weder zur Polizei noch zu einem Anwalt. Die Elendsviertel haben ihre eigenen Regeln und die dort herrschenden Drogenbosse das Sagen. Diese kümmern sich oft auch um Dinge, die eigentlich Aufgabe des Staates wären. Sie organisieren nicht nur angesagte Funk-Parties für die Jugend, sondern sorgen auch für Kinderbetreuung und kümmern sich um Senioren. Auch Strom, Wasser und Internet stellen sie gegen Geld zur Verfügung. Sie machen die Bewohner gefügig, bringen sie in Abhängigkeit und zwingen sie zur Loyalität. Damit niemand die Drogenbosse bei der Polizei verpfeift.

Im Vorfeld von Fußball-Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen sollte diesen Narco-Regimes aber ein Ende gesetzt werden. 2008 begann die Regierung von Rio de Janeiro damit, einen Teil der über 1.000 Elendsviertel zu pazifizieren. Das heißt: sie mittels Militäroperationen von Kriminellen zu säubern und der Kontrolle des Staates zu unterwerfen. 38 Favela-Komplexe mit über einer Million Einwohner wurden bisher befriedet. Bis 2016 soll die Zahl auf Hundert angehoben werden.

Die Stadt Gottes, eine Autostunde von Stadtzentrum und Copacabana entfernt, war das zweite Viertel, das pazifiziert wurde. Während gepanzerte Fahrzeuge die Zufahrtsstraßen versperrten, stürmten schwer bewaffnete Soldaten die schmutzigen Gassen und Hänge der Favela. Name der Militäroperation: »Die Stadt Gottes gehört Gott.«

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Wer in seinem Viertel jetzt genau Gott sein soll, weiß Sergio Barriga nicht. Auch heute wäre die Favela kein Paradies, sagt er. Von der Befriedungspolizei UPP, die nach der Militäraktion eingesetzt wurde und seit fünf Jahren für Recht und Ordnung sorgt, hält er wenig. Diese soll durch ihre Präsenz Kriminelle aus der Stadt Gottes fern halten, ist nur leicht bewaffnet und tritt bürgernah auf. Doch das Image der UPP ist angekratzt: Immer wieder ist in den Zeitungen von Misshandlungen, Entführungen und Tötungen unbescholtener Favela-Bewohner durch Friedenspolizisten zu lesen.

Auch Sergio ist skeptisch. »Die bestehlen unsere Leute«, sagt er mit dem typischen Misstrauen eines Mannes, der die Polizei bisher ausschließlich als Bedrohung kennengelernt hat. Eigentlich ist die Favela ein Ort, an dem die Menschen zusammenhalten. Angst vor den Nachbarn hat niemand, die Türen stehen immer offen, wenn man wollte, könnte man einfach hinein spazieren. »Wer in einer Favela lebt, ist ein normaler Arbeiter, kein Krimineller«, sagt Sergio. Wenn es Verbrechen gebe, dann wegen des Drogenhandels und oft hätte die Polizei die Finger mit im Spiel. Früher kam diese nur dann in die Favelas, wenn es Razzien durchzuführen galt. Präsenz zeigte sie so gut wie nie, für Sicherheit sorgte sie noch weniger. Auch heute wären die Drogenbanden noch da, erzählt Sergio. Der einzige Unterschied zu früher: Sie verwendeten keine auffälligen Maschinengewehre mehr, sondern nur noch Pistolen. Auch er habe eine Waffe. »Um meine Familie zu schützen«, sagt er. Vor der Polizei, denn wirklich viel geändert hätte sich in der Favela nicht.

Die UPP sieht das freilich anders. In einem Anfang des Jahres veröffentlichten Bericht verweist sie darauf, dass in der Stadt Gottes im Jahr 2013 kein einziger Mord verzeichnet wurde. Fünf Jahre zuvor waren es noch 36. Auch allgemein hätte sich die Situation verbessert. So gäbe es deutlich weniger Raubüberfälle und die im Zuge der Befriedung eingeführten Sozialprogramme zeigten Wirkung. Das soziale Engagement der UPP reicht dabei von Alphabetisierungsmaßnahmen über Capoeira-, Karate-, und Boxunterricht bis hin zu Unternehmer- und Computerkursen. Auch die Infrastruktur wurde verbessert, neue Stromleitungen verlegt und die Bewohner aufgefordert, diese nicht wie bisher illegal anzuzapfen, sondern dem Anbieter einen extra eingeführten, verminderten Betrag für den Strom zu zahlen. In Zukunft sollten weitere Bauprojekte folgen, etwa neue Schulen entstehen, um die Menschen der Favela stärker in die Gesellschaft Rio de Janeiros zu integrieren.

Das Hauptgebäude der Polizei befindet sich in einer der wenigen Straßen der Stadt Gottes, die keinen biblischen Namen tragen, in der Edgard-Werneck-Avenida. Sie ist ein geschäftiger Ort, der zu keiner Uhrzeit zur Ruhe kommt. Da sind Mütter, die ihre Kinder in Schuluniform hektisch den Gehsteig entlang treiben, ältere Männer, die vor einem der kleinen Restaurants an kühlen Bieren nippen, Jugendliche auf Fahrrädern, die sich gekonnt an den Passanten vorbeischlängeln. Die Avenida gleicht vielen anderen Straßen in Rio de Janeiro. Von alten Rivalitäten zwischen Drogengangs oder Auseinandersetzungen mit der Polizei ist nichts mehr zu spüren.

In einer kleinen Querstraße der Avenida lebt Benta Neves do Nascimento. Sie ist in der Stadt Gottes inzwischen so etwas wie eine Berühmtheit, denn ihr Gesicht schmückt den 5-CDD-Geldschein der favela-eigenen Währung. Die 81-jährige Frau lebt in einem einfachen Haus, das man nur durch eine dunkelgrüne Türe aus festem Metall betreten kann. Sie ist eine der ältesten Bewohnerinnen des Viertels, hat all seine Veränderungen und die wiederkehrenden Höhen und Tiefen miterlebt. Im Gegensatz zu Sergio schätzt sie die Präsenz der Befriedungspolizei. »Ich fühle mich sicherer«, sagt die alte Frau. Heute könne sie vor dem Haus in der Sonne sitzen, ohne Angst haben zu müssen, dass plötzlich eine Schießerei vom Zaun bricht.

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Der dunkle Raum, in dem sie sich jetzt etwas starr auf einem Sessel festklammert, erzählt von ihrem Leben. Linker Hand steht ein langer Schneidetisch, gegenüber zwei alte Nähmaschinen. Schon immer wäre ihr die Jugend ein Anliegen gewesen, sagt Benta. So habe sie eines Tages beschlossen, Nähunterricht zu erteilen. Auch heute kommen noch regelmäßig kleine Gruppen vorbei, denen sie erklärt, wie die langen Stoffbahnen zuzuschneiden sind. Benta zögert kurz, steht dann auf und verschwindet für eine gefühlte Ewigkeit im Nebenzimmer. Als sie zurückkommt, hält sie einen weißen Bilderrahmen in der Hand. Darin sorgfältig eingeklebt: sechs CDD-Scheine.

Als man sie 2011 fragte, ob sie mitmachen wollte, habe sie nicht lange gezögert, sagt die alte Frau. Ihre soziale Ader habe sie veranlasst, der Initiative ihr Gesicht zu leihen. Auch das ist ein Projekt, das von der Sozialabteilung der UPP unterstützt wird: Eine Währung, mit der man ausschließlich in der Stadt Gottes zahlen kann. Sie soll die Wirtschaft der Favela ankurbeln, den Geldfluss nach außen eindämmen und den Unternehmern neues Selbstbewusstsein geben.

Zu Beginn zeigte das Projekt Erfolg, wurde dankbar von den Bewohnern angenommen. CDD steht für den portugiesischen Namen der Favela: Cidade de Deus. Sergio Barriga hat von der Währung gehört, gesehen hat er die Geldscheine nie. Überhaupt legt er wenig Wert auf Konzepte, die seiner Meinung nach nicht wirklich funktionierten. Tatsächlich hat das vom Staatssekretariat für Solidarökonomie ins Leben gerufene Projekt erst zu Jahresbeginn einen herben Rückschlag erfahren. Seit einem Banküberfall im Jänner, bei dem Geldscheine im Wert von umgerecht 2.000 Euro gestohlen wurden, wartet die Community-Bank vergeblich auf Nachschub. Seitdem steht das Projekt still. Auch sonst gibt es immer wieder Probleme. Zwar verfügt die Stadt Gottes über ein neues Stromnetz, kaputte Leitungen werden aber oft tagelang nicht repariert. Zuletzt geschah dies Ende Juli. Nachdem der Stromanbieter auf Beschwerden nicht reagierte, sahen sich die Bewohner der Favela gezwungen, über Stunden hinweg die nahe gelegene Autobahn zu besetzen und den bezahlten Strom im Protest einzufordern.

Für Sergio Barriga sind all das Beweise, dass sich der Staat nach wie vor nicht wirklich für die Stadt Gottes interessiert. Darum nimmt er sein Leben lieber selbst in die Hand. Während aus dem Radio Musik dröhnt, taucht er eine Malerrolle in weiße Farbe. Er ist gerade dabei, eine kleine Wohnung direkt unter dem roten Felsen zu renovieren. Bis zum Wochenende muss sie für die neuen Bewohner bezugsfertig sein. Vor zehn Jahren hat Sergio das erste Grundstück in der Stadt Gottes gekauft, das Haus darauf renoviert und vermietet. Wieviel das Terrain gekostet hat? »Mein Motorrad«, sagt er und grinst. Heute besitzt er acht davon, auf der einen wie auf der anderen Seite der Edgard-Werneck-Avenida.

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Dort schleichen an diesem Nachmittag Mitglieder der Arbeiterpartei in Dreiergruppen durch die Straßen. Sie gehen von Haus zu Haus, dicke Plakate unter dem Arm, und wirken irgendwie fehl am Platz, wenn sie unsicher an die Türen fremder Leute klopfen. Heute werden sie auch bei Benta Neves do Nascimento vorbeikommen und fragen, ob sie die Partei unterstützen wolle. Viel müsse sie nicht machen, lediglich eine der Tafeln an ihrem Haus anbringen.

Die Arbeiterpartei, der auch die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff angehört, kann seit jeher auf die Unterstützung der ärmeren Bevölkerungsschichten zählen. Diese waren es, die Rousseff vier Jahre zuvor schon einmal ins Präsidentschaftsamt hoben. »Mit jedem Politiker hat sich in der Stadt Gottes ein bisschen etwas verbessert«, sagt auch Benta. Die einen brachten Licht, die anderen Wasserleitungen. Leicht möglich, dass die alte Frau deshalb der Bitte der Parteimitglieder nachkommt und die Wahlwerbung für die »Partei der Armen« neben ihrer grünen Haustüre anbringt.

Sergio Barriga würde die Dreiergruppe vermutlich wegschicken, denn er traut den Politikern nicht. »Die haben sich früher nicht einmal in die Nähe der Stadt Gottes gewagt«, sagt er. Und: sie wären sowieso alle korrupt, genauso wie die Polizei. Er glaubt, dass die Stadt Gottes die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu regulieren, ohne vom Staat aufgezwungene Vorschriften. Darum wird Sergio demnächst auf dem Dach seines ziegelroten Favela-Hauses einfach noch ein Stockwerk bauen. Eine Genehmigung dafür hat er nicht, aber es fragt auch niemand danach. Und falls doch, sollte das nötige Kleingeld ausreichen. Das zumindest ist, was Sergio als Kind im Elendsviertel gelernt hat: Sich die Dinge so zu richten, wie er sie braucht.

Während sich der Tag seinem Ende zuneigt, ist die neue Wohnung fast fertig. 500 Reais Miete, umgerechnet etwa 160 Euro, verlangt Sergio dafür. Und er weiß: In den nächsten Jahren wird sich der Wert seiner Grundstücke erhöhen. Schon jetzt sind sie mehr wert, als noch vor fünf Jahren: Laut Angaben der UPP erfuhren Immobilien in der Stadt Gottes seit deren Pazifizierung eine Wertsteigerung von 40 Prozent. Auch deshalb, weil immer mehr Menschen der Mittelschicht aus den angrenzenden Stadtvierteln in die befriedeten Favelas ziehen. Sie können sich die horrenden Mieten in den besseren Wohngegenden nicht mehr leisten. Sergio Barriga sagt, er wolle seine Grundstücke irgendwann wieder verkaufen. Dafür würde er wahrscheinlich mehr als den doppelten Kaufpreis erzielen. Dass er dabei von der Pazifizierung durch die UPP profitiert, erwähnt er nicht.

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Am frühen Abend unterbricht er seine Arbeit. »Barriiiigaaa!«, tönt eine Stimme über die Mauer vor dem Haus. Manchmal kommen Freunde vorbei, sie alle sind so wie er in der Stadt Gottes groß geworden. Sergio nimmt sie dann mit auf das Dach vor dem roten Felsen. Sie trinken ein Bier, rauchen einen Joint und genießen den Ausblick auf die Favela. Und wenn über ihnen die Sterne funkeln, aus der Tiefe die Geräusche des abendlichen Treibens nach oben dringen und in der Ferne die Autobahn rauscht, wirkt die Stadt Gottes tatsächlich ein bisschen wie ein Paradies. Nur eines weiß Sergio Barriga noch immer nicht: Wer denn nun Gott in der Stadt Gottes sein soll.

Seine Freunde lachen dann und sagen: »Du, Barriga.« Denn kaum jemand aus dem Viertel hat erreicht, was Sergio geschafft hat: von einem Favelakind zu einem stolzen Immobilienbesitzer aufzusteigen.

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