Fotograf aus der Favela

Globale Ungleichheiten, Lateinamerika

Das Bild hat sich in seinem Kopf eingebrannt: Drei Jugendliche, die normalerweise Waffen in ihren Händen halten, stehen jetzt um eine Kamera herum. Während die Maschinengewehre hinter ihnen an eine Hauswand gelehnt sind, betrachten sie die Fotos auf dem kleinen Display. Die jungen Männer sind begeistert, für einen Moment haben sie alles um sich herum vergessen. Und Bruno Itan hat eine Idee: Die Teenager seiner Favela sollten Fotos schießen, keine Menschen mehr.

Die Geschichte des heute 26-Jährigen wirkt, als wäre sie einem Hollywoodstreifen mit Happy End entsprungen. Tatsächlich erinnert sie an die Erzählungen des brasilianischen Schriftstellers Paulo Lins, dessen Buch »City of God« 2002 unter gleichnamigem Titel verfilmt wurde und weltweit Erfolge feierte. Thema: Das Leben innerhalb der gewalttätigen Sphären der »Stadt Gottes«, einer Favela in Rio de Janeiro, die in den 70er-Jahren Schauplatz brutaler Bandenkriege wurde. Protagonist im Film ist Buscapé, ein schwarzer Junge, der im Armenviertel groß geworden ist, sich aber von den Drogengangs fernzuhalten versucht. Er arbeitet als Austräger für eine Tageszeitung, kauft um das zusammengesparte Gehalt eine Kamera und wird zu einem leidenschaftlichen Fotografen. Als die Kämpfe in der »City of God« eskalieren, schafft er es als Einziger, Bilder davon zu machen. Das bringt ihm letzten Endes nicht nur die Bewunderung der Zeitungsjournalisten sondern auch eine Anstellung als Fotograf ein.

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Überträgt man diese Geschichte in das Jahr 2010, lässt sie im 15 Kilometer weit entfernten »Complexo do Alemão« spielen und als Protagonist einen weißen Jungen auftreten, landet man unweigerlich bei Bruno Itan. Dieser blickt jetzt auf ein Meer aus Ziegelhäusern, das die flachen Hänge wie ein enges Kleid umspannt. Darüber schweben rote Gondeln, bewegen sich über Brunos Kopf hinweg und fahren dann mit einem lauten Knacken in die Seilbahnstation »Alemão« ein. In der Ferne flattern bunte Papierdrachen im Wind, zwischen den Rohbauten blitzen blaue Wassertanks hervor – das typische Bild einer brasilianischen Favela. Bruno ist im »Complexo do Alemão« aufgewachsen, einer Ansammlung aus 15 Armenvierteln, die sich auf einer Hügellandschaft im Norden von Rio de Janeiro ausbreitet. Geschätzte 70.000 Bewohner zählt der Komplex, wieviele es wirklich sind, kann aber niemand sagen.

Brunos Geschichte beginnt mit der Arbeit als Billeteur in einem Kino. »Dort kam ich das erste Mal mit audivisuellen Medien in Kontakt«, erzählt er. Die Bilder begeisterten ihn und die unzähligen Filme, die er im Kino sah, schärften seinen Blick. Von diesem Zeitpunkt an – Bruno war gerade einmal sechzehn – wollte er nichts anderes mehr, als Fotograf werden. Er wechselte vom Kino zu einer Tankstelle, wo er begann, Autos zu waschen, und das hart verdiente Geld sparte, bis er sich mit 19 seine eigene Kamera leisten konnte. Noch heute bewahrt er die Sony mit schwenkbarem Display zuhause auf, als wäre sie ein wertvoller Schatz. Es war diese Kamera, die ihm das Tor zu seinem neuen Leben öffnete.

Lange Zeit war der »Complexo do Alemão« ein Ort, an den sich Journalisten nur selten wagten. Für die Medien waren die brasilianischen Favelas Synonyme für Drogenkriege und Bandenkriminalität. Das zumindest war das Bild, das sie davon vermittelten. Nicht so Bruno. »Ich wollte die schönen Seiten der Favela zeigen«, sagt er. Für ihn war sein Zuhause mehr, als nur ein hässlicher Drogensumpf.

Immer wenn Bruno Zeit hatte, zog er mit seiner Kamera durch die Straßen und dokumentierte vor allem eines: den ganz normalen Alltag im »Complexo do Alemão«. Einen Nachmittag am See mitten in der Favela, spielende Kinder und alte Leute, zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Schwer bewaffnete Bandenmitglieder, ermordete Drogenhändler, Gewalt und Elend interessierten ihn wenig. Nur im November 2010 sollte alles ein bisschen anders sein.

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Im Vorfeld von Fußball-Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen hatte die Regierung von Rio de Janeiro damit begonnen, einen Teil der über 1.000 Elendsviertel der Stadt zu pazifizieren. Das heißt: sie mittels Militäroperationen von Kriminellen zu säubern und der Kontrolle des Staates zu unterwerfen. Lebhaft schildert Bruno, wie eines Tages gepanzerte Fahrzeuge in den »Complexo do Alemão« vorrückten und schwer bewaffnete Soldaten die engen Gassen der Favela stürmten. Mit im Schlepptau: eine Meute Journalisten in kugelsicheren Westen.

Wenn er heute von diesem warmen Sommermonat erzählt, lacht Bruno. So, als könnte er seine eigene Geschichte selbst nicht ganz glauben. Während man den Pressefotografen nur erlaubte, sich hinter den Soldaten den Hügel hochzubewegen, war Bruno mittendrin im Geschehen. Und nicht nur das. Er kannte die Favela wie die eigene Westentasche, hatte so etwas wie einen Heimvorteil. 400 Fotos schoß er an diesem Tag, vielleicht mehr, sagt er. Dabei bannte er auch heikle Szenen auf den Chip seiner Kamera. Mit vorgehaltener Waffe zwang ihn ein Polizist später, einen Großteil der Bilder zu löschen. »Nur dreißig Fotos habe ich wiederherstellen können«, sagt Bruno. Manche davon erschienen am nächsten Tag in brasilianischen Zeitungen.

Heute lebt Bruno in einem kleinen Haus in der Nähe der Seilbahn-Station, zu dem man durch eine enge, unwegsame Gasse gelangt. Neben dem Eingang befindet sich eine kleine Küche, ein Stockwerk höher Brunos Schlafzimmer. Darin hat gerade einmal ein Bett Platz, für mehr Möbel ist der Raum zu klein. Über eine enge Wendeltreppe geht es auf das Dach des Hauses. Eigentlich hätte Bruno das Geld, sich eine Wohnung außerhalb der Favela zu leisten. Doch er hat beschlossen, zu bleiben. »Die Jugend hier braucht Vorbilder«, sagt er.

Nach der Besetzung des »Complexo do Alemão« widmete sich Bruno Itan wieder der Dokumentation des Favela-Alltags. Zu diesem gehörte auch der Bau der neuen Seilbahn, die heute den gesamten Komplex miteinander verbindet. Als sie im Sommer 2011 feierlich eröffnet wurde, waren es Brunos Bilder, die in einer der Stationen großformatig ausgestellt wurden. Die Erinnerung an diesen Tag lässt ihn euphorisch werden. Er springt auf, gestikuliert wild und zeigt, wie das damals ablief. Denn an diesem Tag sollte niemand Geringeres als die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff auf Bruno aufmerksam werden.

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In einer kleinen Kommode neben der Wendeltreppe bewahrt Bruno alles auf, das mit der Fotografie zu tun hat: alte Lehrbücher, die er irgendwann einmal auf einem Flohmarkt gekauft hat, Zeitungen, in denen seine Bilder erschienen sind, einen Schnappschuss mit der Präsidentin und einen Brief der britischen Königsfamilie. Diesen hat ihm die Botschaft Großbritanniens zukommen lassen, nachdem Prinz Harry einmal den »Complexo do Alemão« besucht hat. Zwischen all den Schätzen kramt Bruno ein Foto hervor. Darauf zu sehen: er selbst mit einem strahlenden Lachen im Gesicht und einer großen Kamera um den Hals. »Der erste Arbeitstag im Palácio Guanabara«, sagt Bruno.

Denn Präsidentin Dilma Rousseff war nicht alleine zur Eröffnung der Favela-Seilbahn gekommen. Mit dabei war auch Sérgio Cabral, Sohn eines Journalisten und Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro. Er war begeistert von Brunos Fotos und bot dem 23-Jährigen kurzerhand einen Job als Fotograf in seiner Presseabteilung an, in der darauffolgenden Woche sollte er im Regierungspalast Guanabara vorstellig werden. »Ich dachte, das wäre ein Scherz und ging nicht hin«, lacht Bruno. Erst als man ihm telefonisch mitteilte, dass er am Fuße des »Complexo do Alemão« mit einem Auto abgeholt würde, dämmerte ihm, dass all das kein Traum war.

Heute erscheint Bruno in Anzug und Krawatte zur Arbeit. Er begleitet den Governeur von Rio de Janeiro bei offiziellen Terminen, war in Brasília und São Paulo. Einmal durfte er sogar mit nach China. Auch wenn sein neues Leben aufregend ist, findet Bruno seine Lieblingsmotive immer noch zuhause am Favela-Hügel. Darum streift er an seinen freien Wochenenden auch heute noch durch die engen Gassen des »Complexo do Alemão«, immer bewaffnet mit Kamera und Objektiv, jederzeit bereit, abzudrücken. Nur eine Sache ist jetzt anders: er ist nicht mehr alleine unterwegs, sondern gemeinsam mit den Mitgliedern des von ihm gegründeten Fotoklubs. Brunos Ziel: den Jugendlichen der Favela Perspektiven außerhalb von Drogenhandel und Kriminalität aufzuzeigen. Denn sie sollten Fotos schießen, keine Menschen mehr.

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Gott in der Stadt Gottes

Globale Ungleichheiten, Lateinamerika

Sergio will hoch hinaus. Zuerst führt ihn sein Weg durch enge Gassen, immer bergauf. Er schreitet nacktes Mauerwerk entlang, danach unzählige Treppenstufen empor. Entschlossen geht er an halb geöffneten Türen, provisorisch abgeklemmten Stromkabeln und lauter Funk-Musik vorbei. Am Schluss lehnt Sergio Barriga eine Holzleiter gegen den roten Felsen und klettert nach oben. Er breitet die Arme aus und deutet Richtung Horizont. »Das ist sie, die Stadt Gottes.«

Wenn Sergio spricht, dann mit leiser, eindringlicher Stimme. »Sollte dir hier irgendjemand Probleme machen, ruf mich an«, sagt er. Es ist die Aura eines Bösewichts, die ihn umgibt. Eine große Uhr schmückt sein Handgelenk, um den Hals baumelt eine lange Kette. Arme und Beine sind von dunklen Narben überzogen, der Kopf kahl geschoren. Der 55-Jährige ist in der Stadt Gottes aufgewachsen – einst eine der berüchtigsten Favelas in Rio de Janeiro.

Das Viertel wurde seinem Namen vermutlich noch nie gerecht. Der Alltag der rund 47.000 Bewohner war von Armut, Drogenhandel und Bandenkriegen geprägt. »Du hast noch nie eine Schießerei gesehen?«, wundert sich Sergio, während er Daumen und Zeigefinger zu einer Pistole formt. »Bang, Bang, Bang, Bang!« Wieviele Schießereien er schon miterlebt hat, weiß er nicht. »Es waren viele«, sagt er unbeeindruckt, für ihn Normalität.

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Favela, das steht für ein Leben am Rand der Gesellschaft. Wer hier wohnt, gehört wahrscheinlich zu den 20 Prozent Brasilianern, die unter der Armutsgrenze leben. Der Staat: abwesend. Es fehlen funktionierende Strom- und Wasserleitungen, die Straßen sind oft nicht asphaltiert, in den Flüssen sammelt sich der Müll. Wenn man als Bewohner Probleme hat, geht man weder zur Polizei noch zu einem Anwalt. Die Elendsviertel haben ihre eigenen Regeln und die dort herrschenden Drogenbosse das Sagen. Diese kümmern sich oft auch um Dinge, die eigentlich Aufgabe des Staates wären. Sie organisieren nicht nur angesagte Funk-Parties für die Jugend, sondern sorgen auch für Kinderbetreuung und kümmern sich um Senioren. Auch Strom, Wasser und Internet stellen sie gegen Geld zur Verfügung. Sie machen die Bewohner gefügig, bringen sie in Abhängigkeit und zwingen sie zur Loyalität. Damit niemand die Drogenbosse bei der Polizei verpfeift.

Im Vorfeld von Fußball-Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen sollte diesen Narco-Regimes aber ein Ende gesetzt werden. 2008 begann die Regierung von Rio de Janeiro damit, einen Teil der über 1.000 Elendsviertel zu pazifizieren. Das heißt: sie mittels Militäroperationen von Kriminellen zu säubern und der Kontrolle des Staates zu unterwerfen. 38 Favela-Komplexe mit über einer Million Einwohner wurden bisher befriedet. Bis 2016 soll die Zahl auf Hundert angehoben werden.

Die Stadt Gottes, eine Autostunde von Stadtzentrum und Copacabana entfernt, war das zweite Viertel, das pazifiziert wurde. Während gepanzerte Fahrzeuge die Zufahrtsstraßen versperrten, stürmten schwer bewaffnete Soldaten die schmutzigen Gassen und Hänge der Favela. Name der Militäroperation: »Die Stadt Gottes gehört Gott.«

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Wer in seinem Viertel jetzt genau Gott sein soll, weiß Sergio Barriga nicht. Auch heute wäre die Favela kein Paradies, sagt er. Von der Befriedungspolizei UPP, die nach der Militäraktion eingesetzt wurde und seit fünf Jahren für Recht und Ordnung sorgt, hält er wenig. Diese soll durch ihre Präsenz Kriminelle aus der Stadt Gottes fern halten, ist nur leicht bewaffnet und tritt bürgernah auf. Doch das Image der UPP ist angekratzt: Immer wieder ist in den Zeitungen von Misshandlungen, Entführungen und Tötungen unbescholtener Favela-Bewohner durch Friedenspolizisten zu lesen.

Auch Sergio ist skeptisch. »Die bestehlen unsere Leute«, sagt er mit dem typischen Misstrauen eines Mannes, der die Polizei bisher ausschließlich als Bedrohung kennengelernt hat. Eigentlich ist die Favela ein Ort, an dem die Menschen zusammenhalten. Angst vor den Nachbarn hat niemand, die Türen stehen immer offen, wenn man wollte, könnte man einfach hinein spazieren. »Wer in einer Favela lebt, ist ein normaler Arbeiter, kein Krimineller«, sagt Sergio. Wenn es Verbrechen gebe, dann wegen des Drogenhandels und oft hätte die Polizei die Finger mit im Spiel. Früher kam diese nur dann in die Favelas, wenn es Razzien durchzuführen galt. Präsenz zeigte sie so gut wie nie, für Sicherheit sorgte sie noch weniger. Auch heute wären die Drogenbanden noch da, erzählt Sergio. Der einzige Unterschied zu früher: Sie verwendeten keine auffälligen Maschinengewehre mehr, sondern nur noch Pistolen. Auch er habe eine Waffe. »Um meine Familie zu schützen«, sagt er. Vor der Polizei, denn wirklich viel geändert hätte sich in der Favela nicht.

Die UPP sieht das freilich anders. In einem Anfang des Jahres veröffentlichten Bericht verweist sie darauf, dass in der Stadt Gottes im Jahr 2013 kein einziger Mord verzeichnet wurde. Fünf Jahre zuvor waren es noch 36. Auch allgemein hätte sich die Situation verbessert. So gäbe es deutlich weniger Raubüberfälle und die im Zuge der Befriedung eingeführten Sozialprogramme zeigten Wirkung. Das soziale Engagement der UPP reicht dabei von Alphabetisierungsmaßnahmen über Capoeira-, Karate-, und Boxunterricht bis hin zu Unternehmer- und Computerkursen. Auch die Infrastruktur wurde verbessert, neue Stromleitungen verlegt und die Bewohner aufgefordert, diese nicht wie bisher illegal anzuzapfen, sondern dem Anbieter einen extra eingeführten, verminderten Betrag für den Strom zu zahlen. In Zukunft sollten weitere Bauprojekte folgen, etwa neue Schulen entstehen, um die Menschen der Favela stärker in die Gesellschaft Rio de Janeiros zu integrieren.

Das Hauptgebäude der Polizei befindet sich in einer der wenigen Straßen der Stadt Gottes, die keinen biblischen Namen tragen, in der Edgard-Werneck-Avenida. Sie ist ein geschäftiger Ort, der zu keiner Uhrzeit zur Ruhe kommt. Da sind Mütter, die ihre Kinder in Schuluniform hektisch den Gehsteig entlang treiben, ältere Männer, die vor einem der kleinen Restaurants an kühlen Bieren nippen, Jugendliche auf Fahrrädern, die sich gekonnt an den Passanten vorbeischlängeln. Die Avenida gleicht vielen anderen Straßen in Rio de Janeiro. Von alten Rivalitäten zwischen Drogengangs oder Auseinandersetzungen mit der Polizei ist nichts mehr zu spüren.

In einer kleinen Querstraße der Avenida lebt Benta Neves do Nascimento. Sie ist in der Stadt Gottes inzwischen so etwas wie eine Berühmtheit, denn ihr Gesicht schmückt den 5-CDD-Geldschein der favela-eigenen Währung. Die 81-jährige Frau lebt in einem einfachen Haus, das man nur durch eine dunkelgrüne Türe aus festem Metall betreten kann. Sie ist eine der ältesten Bewohnerinnen des Viertels, hat all seine Veränderungen und die wiederkehrenden Höhen und Tiefen miterlebt. Im Gegensatz zu Sergio schätzt sie die Präsenz der Befriedungspolizei. »Ich fühle mich sicherer«, sagt die alte Frau. Heute könne sie vor dem Haus in der Sonne sitzen, ohne Angst haben zu müssen, dass plötzlich eine Schießerei vom Zaun bricht.

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Der dunkle Raum, in dem sie sich jetzt etwas starr auf einem Sessel festklammert, erzählt von ihrem Leben. Linker Hand steht ein langer Schneidetisch, gegenüber zwei alte Nähmaschinen. Schon immer wäre ihr die Jugend ein Anliegen gewesen, sagt Benta. So habe sie eines Tages beschlossen, Nähunterricht zu erteilen. Auch heute kommen noch regelmäßig kleine Gruppen vorbei, denen sie erklärt, wie die langen Stoffbahnen zuzuschneiden sind. Benta zögert kurz, steht dann auf und verschwindet für eine gefühlte Ewigkeit im Nebenzimmer. Als sie zurückkommt, hält sie einen weißen Bilderrahmen in der Hand. Darin sorgfältig eingeklebt: sechs CDD-Scheine.

Als man sie 2011 fragte, ob sie mitmachen wollte, habe sie nicht lange gezögert, sagt die alte Frau. Ihre soziale Ader habe sie veranlasst, der Initiative ihr Gesicht zu leihen. Auch das ist ein Projekt, das von der Sozialabteilung der UPP unterstützt wird: Eine Währung, mit der man ausschließlich in der Stadt Gottes zahlen kann. Sie soll die Wirtschaft der Favela ankurbeln, den Geldfluss nach außen eindämmen und den Unternehmern neues Selbstbewusstsein geben.

Zu Beginn zeigte das Projekt Erfolg, wurde dankbar von den Bewohnern angenommen. CDD steht für den portugiesischen Namen der Favela: Cidade de Deus. Sergio Barriga hat von der Währung gehört, gesehen hat er die Geldscheine nie. Überhaupt legt er wenig Wert auf Konzepte, die seiner Meinung nach nicht wirklich funktionierten. Tatsächlich hat das vom Staatssekretariat für Solidarökonomie ins Leben gerufene Projekt erst zu Jahresbeginn einen herben Rückschlag erfahren. Seit einem Banküberfall im Jänner, bei dem Geldscheine im Wert von umgerecht 2.000 Euro gestohlen wurden, wartet die Community-Bank vergeblich auf Nachschub. Seitdem steht das Projekt still. Auch sonst gibt es immer wieder Probleme. Zwar verfügt die Stadt Gottes über ein neues Stromnetz, kaputte Leitungen werden aber oft tagelang nicht repariert. Zuletzt geschah dies Ende Juli. Nachdem der Stromanbieter auf Beschwerden nicht reagierte, sahen sich die Bewohner der Favela gezwungen, über Stunden hinweg die nahe gelegene Autobahn zu besetzen und den bezahlten Strom im Protest einzufordern.

Für Sergio Barriga sind all das Beweise, dass sich der Staat nach wie vor nicht wirklich für die Stadt Gottes interessiert. Darum nimmt er sein Leben lieber selbst in die Hand. Während aus dem Radio Musik dröhnt, taucht er eine Malerrolle in weiße Farbe. Er ist gerade dabei, eine kleine Wohnung direkt unter dem roten Felsen zu renovieren. Bis zum Wochenende muss sie für die neuen Bewohner bezugsfertig sein. Vor zehn Jahren hat Sergio das erste Grundstück in der Stadt Gottes gekauft, das Haus darauf renoviert und vermietet. Wieviel das Terrain gekostet hat? »Mein Motorrad«, sagt er und grinst. Heute besitzt er acht davon, auf der einen wie auf der anderen Seite der Edgard-Werneck-Avenida.

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Dort schleichen an diesem Nachmittag Mitglieder der Arbeiterpartei in Dreiergruppen durch die Straßen. Sie gehen von Haus zu Haus, dicke Plakate unter dem Arm, und wirken irgendwie fehl am Platz, wenn sie unsicher an die Türen fremder Leute klopfen. Heute werden sie auch bei Benta Neves do Nascimento vorbeikommen und fragen, ob sie die Partei unterstützen wolle. Viel müsse sie nicht machen, lediglich eine der Tafeln an ihrem Haus anbringen.

Die Arbeiterpartei, der auch die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff angehört, kann seit jeher auf die Unterstützung der ärmeren Bevölkerungsschichten zählen. Diese waren es, die Rousseff vier Jahre zuvor schon einmal ins Präsidentschaftsamt hoben. »Mit jedem Politiker hat sich in der Stadt Gottes ein bisschen etwas verbessert«, sagt auch Benta. Die einen brachten Licht, die anderen Wasserleitungen. Leicht möglich, dass die alte Frau deshalb der Bitte der Parteimitglieder nachkommt und die Wahlwerbung für die »Partei der Armen« neben ihrer grünen Haustüre anbringt.

Sergio Barriga würde die Dreiergruppe vermutlich wegschicken, denn er traut den Politikern nicht. »Die haben sich früher nicht einmal in die Nähe der Stadt Gottes gewagt«, sagt er. Und: sie wären sowieso alle korrupt, genauso wie die Polizei. Er glaubt, dass die Stadt Gottes die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu regulieren, ohne vom Staat aufgezwungene Vorschriften. Darum wird Sergio demnächst auf dem Dach seines ziegelroten Favela-Hauses einfach noch ein Stockwerk bauen. Eine Genehmigung dafür hat er nicht, aber es fragt auch niemand danach. Und falls doch, sollte das nötige Kleingeld ausreichen. Das zumindest ist, was Sergio als Kind im Elendsviertel gelernt hat: Sich die Dinge so zu richten, wie er sie braucht.

Während sich der Tag seinem Ende zuneigt, ist die neue Wohnung fast fertig. 500 Reais Miete, umgerechnet etwa 160 Euro, verlangt Sergio dafür. Und er weiß: In den nächsten Jahren wird sich der Wert seiner Grundstücke erhöhen. Schon jetzt sind sie mehr wert, als noch vor fünf Jahren: Laut Angaben der UPP erfuhren Immobilien in der Stadt Gottes seit deren Pazifizierung eine Wertsteigerung von 40 Prozent. Auch deshalb, weil immer mehr Menschen der Mittelschicht aus den angrenzenden Stadtvierteln in die befriedeten Favelas ziehen. Sie können sich die horrenden Mieten in den besseren Wohngegenden nicht mehr leisten. Sergio Barriga sagt, er wolle seine Grundstücke irgendwann wieder verkaufen. Dafür würde er wahrscheinlich mehr als den doppelten Kaufpreis erzielen. Dass er dabei von der Pazifizierung durch die UPP profitiert, erwähnt er nicht.

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Am frühen Abend unterbricht er seine Arbeit. »Barriiiigaaa!«, tönt eine Stimme über die Mauer vor dem Haus. Manchmal kommen Freunde vorbei, sie alle sind so wie er in der Stadt Gottes groß geworden. Sergio nimmt sie dann mit auf das Dach vor dem roten Felsen. Sie trinken ein Bier, rauchen einen Joint und genießen den Ausblick auf die Favela. Und wenn über ihnen die Sterne funkeln, aus der Tiefe die Geräusche des abendlichen Treibens nach oben dringen und in der Ferne die Autobahn rauscht, wirkt die Stadt Gottes tatsächlich ein bisschen wie ein Paradies. Nur eines weiß Sergio Barriga noch immer nicht: Wer denn nun Gott in der Stadt Gottes sein soll.

Seine Freunde lachen dann und sagen: »Du, Barriga.« Denn kaum jemand aus dem Viertel hat erreicht, was Sergio geschafft hat: von einem Favelakind zu einem stolzen Immobilienbesitzer aufzusteigen.

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Stadt der Mädchen

Lateinamerika, Sozialer Protest

Am Nachmittag ist die Straße Sotero dos Reis noch feucht vom Regen der Nacht. Der beißende Geruch nach Alkohol und Urin liegt in der Luft – diesen können selbst die Unmengen an Wasser nicht wegspülen. Auf den Gehsteigen sammeln sich Müllberge, Musik mit dröhnendem Bass beschallt die Umgebung. Während die letzten Lastwägen die Straße Richtung Ausfahrt verlassen, haben die Frauen in den Bars gegenüber des Kühlhauses ihre Arbeit längst begonnen. Leicht bekleidet sitzen sie auf den Terrassen mit verschnörkeltem Geländer und warten auf Kunden.

Es ist das größte und älteste Prostituiertenviertel von Rio de Janeiro, die Vila Mimosa. 1.500 Frauen arbeiten hier in Schichten und bieten doppelt so vielen Männern täglich ihre Dienste an. Das Viertel hat Tradition, doch es wird von Politik und Gesellschaft missachtet. In der Vergangenheit wurden die Sexarbeiterinnen immer wieder aus den ihnen angestammten Räumen vertrieben. Zuletzt 1996, als die Bordelle in Zentrumsnähe einem hochmodernen Telekommunikationszentrum weichen mussten.

Damals suchten die Frauen einen neuen Ort, an dem sie ihrer Arbeit nachgehen konnten. Sie fanden ihn zwischen zwei Eisenbahnstrecken, in einem alten Industrieviertel. Vier Straßen umfasst die Vila Mimosa heute, inzwischen hat sie sich zu einem Mikrokosmos aus Bordellen, Bars, Verkaufsständen und kleinen Wohnhäusern entwickelt. Doch wieder einmal ist ihr Weiterbestehen durch ein Bauprojekt bedroht: Ein Schnellzug zwischen Rio de Janeiro und São Paulo soll direkt durch das Viertel führen. Dabei haben die Frauen der Vila Mimosa ganz andere Pläne.

In der Straße Ceará, nur wenige Meter von den Bars entfernt, befindet sich inmitten unzähliger Motorradwerkstätten und Rockclubs ein unscheinbares Gebäude. Neben dem Eingang werden auf einer Anschlagtafel Sprach- und Informatikkurse angeboten. In einem der Räume schmückt ein Blatt Papier die dunkelblau gestrichene Wand. »Gib dein Bestes, damit auch du immer das Beste bekommst«, steht darauf geschrieben. Und: »Gestalte deinen Arbeitsplatz so wie die schönste Ecke deines Zuhauses.« Es sind gute Ratschläge, die auf dem Zettel notiert wurden. Dabei sieht der Raum nicht so aus, als hätte man sich an diese Weisheiten gehalten. Das kühle Licht wirkt wenig einladend, aus dem Nebenzimmer dringen hallende Stimmen, von den Wänden blättert die Farbe ab. »Sehr schön ist es hier nicht«, sagt Cleide Almeida mit einem Seufzer, während sie sich an einen der Tische setzt.

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Obwohl sie seit beinahe zwanzig Jahren in diesem Gebäude arbeitet, hat Cleide kein eigenes Büro. Darum empfängt sie ihre Gäste in einem der provisorisch eingerichteten Unterrichtsräume. Die 50-Jährige ist Sozialarbeiterin bei AMOCAVIM, der Interessensvertretung der Sexarbeiterinnen der Vila Mimosa. Sie ist eine energiegeladene Frau mit rot gefärbtem Haar und blau lackierten Fingernägeln. Während sie spricht, schlägt sie immer wieder mit der flachen Hand auf den Tisch. So, als wollte sie dem Gesagten noch mehr Ausdruck verleihen. Schon früh lernte sie, sich durchzusetzen. Und sie kennt die Vila Mimosa wie ihre eigene Westentasche.

Der Name des Viertels steht für 24-Stunden-Betrieb und billigen Sex. Umgerechnet 10 Euro kostet eine halbe Stunde Programm. Viel weniger, als an der zehn Kilometer weit entfernten Copacabana. Es sind vor allem Frauen aus den armen Vororten, die zum Arbeiten in die Vila Mimosa kommen. »Die Meisten befinden sich in einer Ausnahmesituation, haben finanzielle Probleme«, sagt Cleide Almeida. Viele hätten sich von ihren Partnern getrennt und müssten plötzlich das Geld für die Kinder alleine aufbringen. »Sie kommen mit der Idee, nur vorübergehend hier zu arbeiten. Ein Großteil aber bleibt in der Vila Mimosa hängen.« Cleide weiß das, denn sie ist in dem Rotlichtviertel groß geworden.

Sie stammt selbst aus ärmlichen Verhältnissen. Der Vater war Alkoholiker, wurde gegenüber der Mutter immer wieder handgreiflich. Als Cleide sieben Jahre alt war, verließ ihre Mutter samt der zehn Kinder den gewalttätigen Mann und begann zuerst als Schneiderin, später als Köchin in der Vila Mimosa zu arbeiten. Während die Mutter Fisch und Huhn für die Prostituierten und deren Kunden zubereitete, vertrieben sich die Kinder unter der Theke die Zeit. »Mit 18 habe ich den Verkaufsstand dann übernommen«, sagt Cleide. In der Prostitution gearbeitet hat sie nie. Doch sie kennt die Frauen des Viertels, ihre Schicksale und Sorgen.

Auch sie lässt die Vila Mimosa nicht mehr los. »Als die Sexarbeiterinnen 1996 umziehen mussten, ging ich mit und begann für AMOCAVIM zu arbeiten«, erklärt sie. Cleide Almeida koordiniert die Sozial- und Gesundheitsprojekte der Organisation. Viele der Frauen der Vila Mimosa würden aus der Prostitution aussteigen wollen, sagt sie. Ihrer Meinung nach gibt es dazu nur einen Weg: Bildung. Sie selbst hat ihren Schulabschluss um die Jahrtausendwende nachgeholt und 2006 eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin abgeschlossen. Demnächst will sie einen Englisch-Kurs besuchen. AMOCAVIM setzt auf Weiterbildung und steht dabei vor allem für eines: Selbstermächtigung.

Das erkannte auch Guilherme Ripardo, als er sich 2005 auf die Suche nach einem Thema für seine Abschlussarbeit machte. Er war Student der Architektur und schlug sich die Wochenenden in den Rockbars der Straße Ceará um die Ohren. »Dass sich gleich nebenan ein Prostituiertenviertel befindet, war mir lange nicht bewusst«, sagt er. Ursprünglich wollte Guilherme die Straße Ceará neu gestalten. Je eingehender er sich aber mit deren Umgebung beschäftigte, umso deutlicher wurde, dass in diesem Viertel etwas Anderes von Nöten war.

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Während Guilherme von der Entstehungsgeschichte seines Projekts erzählt, greift er sich manchmal ans Kinn und zwirbelt seinen dichten Ziegenbart. Es wirkt, als würde er in der Zeit zurückreisen. »Ich habe mich damals mit vielen Prostituierten unterhalten«, sagt er. Der heute 36-Jährige wollte herausfinden, welche Bedürfnisse diese Frauen, die von Politik und Gesellschaft verachteten werden, wirklich hatten. »Ich wollte etwas erschaffen, das ihnen das Überleben in der Vila Mimosa erleichtert und sie näher an die Gesellschaft rückt.« Es war der Beginn der »Cidade das Meninas«, der Stadt der Mädchen.

Guilherme klappt sein Notebook auf und tippt die Adresse seiner Webseite in den Browser. Er zeigt auf eine Zeichnung, auf der zwei Frauenkörper abgebildet sind. Einer ausgestreckt, die Arme über dem Kopf, die Beine gespreizt. Der andere zusammengerollt, in Embryonalstellung. »Der Großteil der Prostituierten der Vila Mimosa vereint zwei Charaktere in sich: den der Mutter und den der Sexarbeiterin«, sagt er. Dieser doppelten Rolle der Frauen wollte er in seiner Arbeit gerecht werden. Es ging Guilherme nicht darum, das Rotlichtviertel an sich zu verändern. Er wollte die Räume der Selbstermächtigung neu gestalten, sie freundlicher und einladender machen.

Unzählige Stunden verbrachte er mit Cleide und führte lange Gespräche. »Es ging vor allem um eines: Wie soll die Zukunft aussehen?«, sagt sie. Das Ergebnis dieser gemeinsamen Arbeit überzeugt sie. Die Gebäude, die Guilherme entworfen hat, bieten Platz für eine Vielzahl an Aktivitäten außerhalb der Prostitution. »Hüfte und Beine der sich hingebenden Frau können für Präsentationen und Veranstaltungen verwendet werden«, erklärt er. Aus hellem und transparentem Material soll dieser Teil sein, nicht abgeschottet vom Rest der Welt. Die Frauen der Vila Mimosa wollen ihn für eine Ausstellung über die Geschichte der Prostitution in Brasilien und ihrem Viertel nutzen. Kopf und Arme könnten das Weiterbildungszentrum beherbergen. So sieht es Guilherme zumindest in seinem Konzept vor.

Die andere Figur, die für die Rolle der Mutter steht, weist einen intimeren Charakter auf. »Eine Sache hat mich während meiner Recherche schockiert«, sagt Guilherme. Nämlich, dass viele der Prostituierten ihre Kinder zur Arbeit mitnehmen und in einer Art Kinderkrippe abgeben. Im Schoß des zusammengerollten Frauenkörpers soll diese jetzt unterkommen. »Es muss einen organisierten, geschützten Raum für diese Kinder geben«, erklärt er. Der Bereich des Kopfes widmet sich dem Wohlergehen der Frauen selbst: ihrer Gesundheit. Hier sollte der Arzt, der schon heute ehrenamtlich Untersuchungen anbietet, seinen Platz haben.

Bis jetzt ist das Projekt jedoch nur ein Traum. »Es wäre schön, wenn sich jemand finden würde, der investieren will«, sagt Cleide Almeida. Eine zeitlang hat sie gemeinsam mit Guilherme Ripardo nach Geldgebern gesucht. Doch die Suche gestaltete sich schwierig. Keine politische Institution hat bisher Interesse an der »Stadt der Mädchen« gezeigt. Auch sonst engagieren sich nur wenige Politiker aktiv für eine marginalisierte Personengruppe wie die der Prostituierten. »Das würde für sie das Ende ihrer Karriere bedeuten«, gibt Cleide zu, die eigentlich über gute Kontakte verfügt. Trotzdem kann sie nicht nachvollziehen, weshalb Brasilien Milliarden für die Fußball-Weltmeisterschaft ausgibt, obwohl Investitionen in Gesundheit und Bildung derzeit viel wichtiger wären.

Als der damalige Präsident Luiz Inácio Lula 2007 bekannt gab, dass Brasilien sowohl die Fußball-Weltmeisterschaft 2014, als auch die Olympischen Spiele 2016 austragen würde, verfiel das Land zunächst in einen Freudentaumel. Doch die Stimmung wandelte sich, je näher die Sportevents rückten. Immer mehr Menschen äußerten Kritik an den horrenden Ausgaben für Neu- und Umbauten und begannen gegen die Zwangsumsiedlungen ganzer Stadtteile zu demonstrieren. Auch die Vila Mimosa befindet sich an einem Ort, an dem ein Bauvorhaben realisiert werden soll.

Der Schnellzug zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, dessen Trasse in den Plänen der Regierung durch das Gebiet des Rotlichtviertels führt, hätte eigentlich schon zur Fußball-Weltmeisterschaft in Betrieb sein sollen. Doch immer wieder wurde der Eröffnungstermin für die Bahnstrecke verschoben. Zuerst auf das Jahr 2016, dann auf 2020.

Für die Frauen der Vila Mimosa war die Nachricht ein Schock. »Viele haben mich gefragt, ob wir jetzt wieder umziehen müssten«, sagt Cleide. Das würde bedeuten, vieles von Vorne beginnen, sich einen neuen Raum erkämpfen zu müssen. Und diesen erst einmal zu finden. »In Zentrumsnähe ist für die Vila Mimosa kein Platz, dort will man die Prostituierten nicht.« Das Rotlichtviertel müsste Richtung Vororte übersiedeln. Ein Umzug würde die Sexarbeiterinnen ein ums andere Mal marginalisieren und sie noch weiter an den Rand der Gesellschaft drängen, glaubt Cleide.

Dabei gab es in letzter Zeit auch gute Nachrichten. Inzwischen scheint es, als würde die Regierung den Plan des Schnellzugs zwischen Rio de Janeiro und São Paulo endgültig verwerfen. Konkrete Informationen dazu lassen sich nicht eruieren, doch ist sich Cleide sicher, dass sie nicht um das Weiterbestehen der Vila Mimosa am aktuellen Ort kämpfen wird müssen.

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft hat sich außerdem ein Mann bei ihr gemeldet: Er arbeitet für eine Firma mit Sitz in London, die Projekte im Bereich Museen und Ausstellungen entwickelt und umsetzt. Er wollte mehr über die »Stadt der Mädchen« erfahren und lässt – wie er auf schriftliche Anfrage bekannt gibt – derzeit Finanzierungsmöglichkeiten prüfen. Für die Sozialarbeiterin Cleide Almeida und den Architekten Guilherme Ripardo ist das ein erster Erfolg. Das Interesse eines internationalen Unternehmens an der »Stadt der Mädchen« zeigt, dass sie doch kein utopischer Traum ist, sondern Wirklichkeit werden könnte. Dann hätte Cleide endlich Zeit, sich voll und ganz auf die Bereitstellung von Weiterbildungsprogrammen zu konzentrieren. Zur Selbstermächtigung der Prostituierten.

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Spiel mit jungen Träumen

Lateinamerika, Migration

Früher hatte Daniel einen Traum. Darin jubelte das Publikum, wenn er den Ball leichtfüßig vor sich herjagte. Feuerten ihn seine Fans an, so dass er noch schneller lief. Klatschten die Zuschauer, wenn ihm ein guter Pass gelang. Er wollte Profifußballer werden. In seinem Stadtviertel gab es junge Männer, die bei ausländischen Klubs unter Vertrag standen. Wenn sie auf Heimaturlaub kamen, organisierten sie Turniere für die Kinder der Nachbarschaft. Ihr Leben sah schön aus. Daniel Kombi wollte genauso werden. Nur noch das machen, wofür sein Herz brannte: Fußball spielen.

Alles begann in Douala, Kamerun. Auf Google Maps fährt Daniel mit dem Finger die Straßen seiner Heimatstadt entlang. Er deutet auf ein graues Rechteck auf dem Bildschirm. Das Haus seiner Eltern. Hier hat er seine Kindheit verbracht. Gegenüber eine freie Fläche. Der Fußballplatz. Hier hat er kicken gelernt. Drei Häuserblocks weiter die Schule. Er habe eine schöne Kindheit gehabt, sagt er. Seine Freizeit verbrachte er mit drei Schwestern, einem Bruder. Und dem Fußball. Einmal, sagt er, habe ihm sein Vater das Spielen verboten, weil er in der Schule schlechte Noten hatte. Er spielte trotzdem.

Sein Leben änderte sich vor vier Jahren, im Juni 2010. Die Sommerferien standen vor der Tür und Daniel freute sich auf die freie Zeit, die er mit seinen Freunden auf dem Fußballplatz verbringen würde. Doch es sollte anders kommen. Ein Mann kontaktierte seinen Vater. Er stellte sich als Spielervermittler mit guten Kontakten nach Argentinien vor. Der Junge hätte Talent, sagte der Agent, er könnte bei River Plate in Buenos Aires vorspielen. Daniel hatte von diesem Klub gehört: Rekordmeister der argentinischen Liga. Das war die große Chance. Die Möglichkeit, seine Träume zu verwirklichen. Der Agent zeigte ihm Fotos von anderen kamerunischen Fußballspielern, die er nach Argentinien vermittelt hatte. Er organisierte ein Telefonat mit einem von ihnen. »Ich glaubte diesem Mann«, sagt Daniel. Die Sache hörte sich plausibel an. Zu diesem Zeitpunkt wusste er nicht, dass er wenige Monate später mittellos auf der Straße stehen würde. Minderjährig. Mit nur fünfzehn Jahren.

Daniels Geschichte ist die Tausender Jugendlicher aus Afrika. Angeworben von vermeintlichen Spielervermittlern machen sie sich auf den Weg ins Ausland, um dort eine große Fußballkarriere zu beginnen. Die Agenten verlangen Geld: für das Visum, für das Flugticket, Vermittlungsgebühren. Tausende Euro. Die Familien der jungen Talente zahlen. Sie hegen die Hoffnung, dass sich ihre Söhne in Fußballgötter wie Samuel Eto’o verwandeln. Dass sie werden wie der Kameruner, der für den FC Chelsea in der englischen Liga spielt. Doch häufig verläuft sich der junge Traum von Afrikas Kindern in den verwinkelten Straßen fremder Städte. Von den vermeintlichen Agenten werden sie allein gelassen in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen. River Plate war eine leere Versprechung. Der Traum geplatzt wie eine Seifenblase.

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Buenos Aires, Stadtviertel Caballito. Beständig wippt Omar mit den Beinen auf und ab. Eigentlich wollte er zu diesem Gespräch nicht kommen. Jetzt sitzt er trotzdem hier. Er will nicht, dass etwas über ihn geschrieben wird, das andere von ihm erzählen. »Es ist nicht meine Schuld«, sagt er achselzuckend. »Er war einfach nicht gut genug.«

Omar ist der gute Kontakt, von dem der Spielervermittler in Kamerun gesprochen hatte. Er ist Fußballagent. Zumindest sagt er das, offizielle Lizenz hat er keine. Omar ist Mitte fünfzig, von korpulenter Statur, hat goldblond gefärbte Haare. Das halb zugeknöpfte Hemd gibt Einblicke auf seine behaarte Brust und den dicken Bauch frei. Wenn Omar von den Spielern redet, die ihm sein Partner aus Afrika schickt, spricht er von Waren. Seit sieben Jahren nimmt er solche Waren aus Kamerun entgegen.

Zehn Spieler hat Omar während der vergangenen Jahre betreut. Erfolgsquote bisher: Null. »Es war einfach kein Juwel dabei«, sagt er. Drei oder vier Monate gibt Omar den Jugendlichen Zeit. Wenn sie bis dahin keinen Klub gefunden haben, lässt er sie fallen. So wie Daniel. Im August 2010 holte Omar ihn vom Flughafen in Buenos Aires ab, im November ließ er ihn sitzen. »Ich kann mich nicht ewig um ihn kümmern«, sagt Omar. So wäre das Geschäft. Wer nicht funktioniere, werde aussortiert. Dass Daniel gar keine Chance hatte, erwähnt er nicht.

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Ein Mann, der viele solcher Fälle kennt, ist Jean Claude Mbvoumin. Er selbst stand acht Mal für das kamerunische Nationalteam auf jenem Rasen, der für viele Teenager die ganze Welt bedeutet. Seit zwanzig Jahren lebt er in Frankreich, wo er in den Neunzigern für verschiedene Profiklubs Fußball spielte. Einmal, erzählt Jean Claude, habe ihn die Botschaft seines Heimatlandes angerufen. Eine ganze Mannschaft 14-Jähriger war von ihrem Spielervermittler sitzen gelassen worden. Das war 1999. Als er die Kinder sah, wusste er, dass er etwas unternehmen musste.

Jean Claude spricht von Menschenhandel, wenn es um den Transfer minderjähriger Spieler ins Ausland geht. Im Dezember 2000 gründete er Foot Solidaire, eine NGO, die sich der Opfer dieses Handels annimmt. Schon länger dient Afrika als Fundgrube für junge Fußballtalente. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Suche nach Nachwuchsspielern vielerorts in ein schmutziges Spiel mit deren jungen Träumen verwandelt. »Wendepunkt war das Jahr 1995«, sagt Jean Claude. Damals wurde am Europäischen Gerichtshof das Bosman-Urteil gefällt: Es erlaubte den ablösefreien Wechsel von Spielern zu anderen Klubs und kippte die zuvor bestehenden Ausländerklauseln. Kleine Klubs verloren ihre besten Spieler. »Damit begann die massive Rekrutierung in Afrika«, sagt er. Denn: Afrikanische Ware ist billig.

Die Nachfrage nach neuen Spielern und die Hoffnung afrikanischer Familien, durch ihre Söhne der Armut zu entfliehen, ruft dubiose Gestalten auf den Plan. Sie geben an, über Kontakte zu ausländischen Fußballklubs zu verfügen: FC Paris Saint-Germain, FC Barcelona, FC Chelsea London. Es sind klingende Namen, mit denen sie um sich werfen. Neuerdings auch von Klubs in Asien oder Lateinamerika. Sie versprechen Probespiele bei den besten Vereinen mit Aussichten auf einen Vertrag. »Die Familien der jungen Fußballspieler fallen auf diese Betrüger herein«, sagt Jean Claude Mbvoumin. Gefälschte Agentenausweise, Fotos angeblich vermittelter Spieler und die scheinbare Einladung eines Klubs zum Vorspielen überzeugen sie. Auch Daniels Foto von einem Besuch im Stadion von River Plate schmückt heute die Facebook-Seite jenes Mannes, der ihn nach Argentinien gebracht hat. »Er erzählt jetzt wahrscheinlich anderen Kindern, dass ich dort unter Vertrag stehe«, sagt Daniel. Dabei hat er den Rasen dieses Stadions nie betreten.

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Auch wenn es um Klubs im Ausland ginge, wäre das Hauptproblem in Afrika zu suchen, sagt Jean Claude Mbvoumin. »Den Familien ist oft nicht bewusst, welches Risiko sie eingehen, wenn sie ihre Söhne in die Hände dieser Fremden geben.« Für die vermeintlichen Agenten sind die Kinder Rohstoffe, aus denen Profit geschlagen werden kann. Auch Omar fühlte sich Daniel gegenüber zu nichts verpflichtet. »Wenn er minderjährig ist, dann liegt die Verantwortung bei seinen Eltern«, sagt er. Diese hätten ihn ins Ausland geschickt. Nicht er, Omar. Er habe sich an seinen Teil der Vereinbarungen gehalten und den 14-Jährigen zu verschiedenen Klubs zum Vorspielen gebracht.

»Für mich war Omar eine Vertrauensperson«, sagt Daniel. Er sitzt im Halbdunkel seines Zimmers in Tres Arroyos, einer verschlafenen Kleinstadt 500 Kilometer südlich von Buenos Aires. Die Jalousien sind nur wenige Zentimeter geöffnet. Draußen ist es kalt, der Winter hält Einzug in Argentinien. Sein Vertrauen wurde enttäuscht. Heute, vier Jahre später, erhebt er Vorwürfe gegen Omar. Dieser habe ihn zwar zu Klubs gefahren, aber lediglich zum Trainieren. Er habe ihn erst dann wieder abgeholt, als die Verantwortlichen des Vereins bereits nach Hause gegangen waren. Keine Gespräche über ein mögliches Probespiel. Für seine Dienste verlangte Omar Geld: monatlich umgerechnet 500 Euro. Der bestreitet das. Doch in den E-Mails, die er an Daniels Vater schickte, verlangt er ausdrücklich um Überweisungen an sein Konto.

Im Jahr 2001 hat die Weltfußballorganisation FIFA in ihrem Reglement ein Statut erlassen, das den internationalen Transfer von Kindern nur unter strengen Auflagen erlaubt – um genau diesen Handel mit minderjährigen Fußballerspielern zu unterbinden. Omar hätte wissen müssen, dass Daniel als Minderjähriger von keinem Club verpflichtet werden darf. Dass die FIFA diese Regeln ernst nimmt, musste im April diesen Jahres der spanische FC Barcelona erfahren. Der legendäre Klub wurde zu Strafzahlungen und Transfersperren verdonnert, nachdem bekannt wurde, dass er zwischen 2009 und 2013 zehn ausländische U16-Kicker transferiert und bei Fußballspielen eingesetzt hatte. Es ist das erste Urteil dieser Art seit Einführung der Regularien.

Omar schreckt das nicht ab. Nächstes Jahr will er selbst nach Afrika reisen, um seine Spieler auszusuchen. Denn mit der Auswahl seines Partners aus Kamerun ist er nicht zufrieden. Zu alt wären die Fußballer, zu wenig formbar. »Ich habe ihm gesagt, dass ich nur die Besten will«, sagt Omar. Er hofft noch immer auf den großen Coup.

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Jean Claude Mbvoumin setzt unterdessen auf Sensibilisierung. Er trifft sich mit Vertretern europäischer Klubs, des Weltfußballverbands, der Vereinten Nationen, des Europarats. Kürzlich konnte er einige Botschafter der Afrikanischen Union für Gespräche gewinnen. »Afrika muss seine Jugend schützen«, sagt er. Das heißt: den lokalen Sport fördern und weiterentwickeln, Jugendschutzgesetze verabschieden, Kontrollmechanismen einführen. Und jene Personen, die in den illegalen Handel von minderjährigen Fußballspielern involviert sind, zur Rechenschaft ziehen. »Auch die Eltern, die ihre Kinder falschen Agenten übergeben«, sagt er. Hier müsse man ein Exempel statuieren.

Nachdem ihn der vermeintliche Spielervermittler sitzen gelassen hatte, war der damals 15-jährige Daniel auf sich selbst gestellt. »Das war die schlimmste Zeit meines Lebens«, sagt er heute. »Ich ging mit positiven Gefühlen aus Kamerun weg. Ich dachte, man würde hier in Argentinien auf mich warten.« Nie habe er geglaubt, alles selbst organisieren zu müssen. Er hatte keinen Klub, nicht einmal einen zum Trainieren. Es gab keine Möglichkeit, die Schule zu besuchen. Das Touristenvisum war abgelaufen, er illegal im Land.

Sechs Monate schlug sich Daniel alleine durch. Dann erzählte ihm ein Bekannter von einem Trainingszentrum für Fußballspieler ohne Klub. Eine erste Anlaufstelle. Dort konnte er trainieren, um für seinen großen Traum in Form zu bleiben. »Der Trainer fragte nach meinem Alter«, sagt er. Fünfzehn. Ob er Aufenthaltspapiere hätte. Hatte er keine. Der Mann riet ihm, sich bei der Migrationsbehörde zu melden. Und er stellte ihm eine Frau vor, die bereit war, die Vormundschaft für ihn zu übernehmen. Nur so konnte er als Minderjähriger seine Papiere in Argentinien in Ordnung bringen.

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»Das Wichtigste ist, dass diese Kinder wieder zur Schule gehen«, sagt Jean Claude Mbvoumin. Sie davon zu überzeugen, wäre eine der schwierigsten Aufgaben seiner NGO. Doch nur mit einem Schulabschluss hätten die Jugendlichen eine Zukunft. »Wenn man mit ihnen spricht, merkt man, dass sie an nichts anderes denken, als den Fußball. Wir müssen ihnen erklären, dass es auch ein Leben außerhalb gibt«, sagt Jean Claude. Auch Daniel musste zu dieser Einsicht kommen. Ein Jahr, nachdem er Kamerun verlassen hatte, besuchte er wieder den Unterricht. Der argentinische Staat unterstützte ihn dabei finanziell. Er lernte Spanisch und fand neue Freunde. Heute ist er froh, dem Rat seines Trainers gefolgt zu sein. »So habe ich ein zweites Standbein, falls das mit dem Fußball doch nicht funktioniert«, sagt er.

Trotzdem hat er seinen Traum noch nicht ganz aufgegeben. Sein achtzehnter Geburtstag war für ihn ein wichtiger Tag, denn von da an konnte er legal in einem Fußballklub verpflichtet werden. Und tatsächlich wollte ihn ein kleiner Verein in der Provinz von Buenos Aires haben: Huracán Tres Arroyos. Stolz zeigt er den Wikipedia-Eintrag des Klubs, wo neben den Namen der argentinischen Spieler auch sein eigener aufgelistet ist. Bis heute hat er von diesem Klub keine Geld bekommen. Und er lebt dort, wo es keine asphaltierten Straßen mehr gibt, in einer heruntergekommenen Unterkunft ohne Heizung. Trotzdem glaubt er, seinem Traum ein Stück weit näher gekommen zu sein. »Jetzt kann ich meiner Familie manchmal auch gute Nachrichten überbringen«, sagt Daniel. Zum Beispiel die, dass sein Klub das letzte Spiel vier zu zwei gewonnen hat.

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Die vergessenen Veteranen

Lateinamerika, Sozialer Protest

Jeden Tag nach der Arbeit setzt sich Luis Giannini in sein Auto. Er fährt die Stadtautobahn entlang, vorbei an grauen Wohnhäusern, die 20 Kilometer bis ins Zentrum von Buenos Aires. In der Nähe des pinken Präsidentschaftspalastes parkt er seinen Wagen. Dann verschwindet er in einem kleinen Verschlag aus Holz und Plastik, der am Rand des Platzes zwischen den Bäumen steht. In der Nähe stecken 17 weiße Holzkreuze in der Wiese. Dahinter die Skulptur eines gefallenen Soldaten. Umgeben von großen Plakaten, die der kühle Herbstwind unermüdlich wegzureißen versucht. »Wir erinneren uns und fordern Gerechtigkeit«, steht darauf geschrieben.

Der schwarze Verschlag, der einem Feldlager ähnelt, wurde von ehemaligen Soldaten des Falklandkrieges errichtet. Aus Protest. Denn sie werden vom argentinischen Staat als Kriegsveteranen nicht anerkannt. Weil sie an der argentinischen Küste stationiert waren und die Malvinas – wie die Inseln in Argentinien heißen – nie betreten haben.

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Es war im April 1982, als die argentinische Militärjunta überraschend den bewaffneten Konflikt mit Großbritannien vom Zaun brach. Es geht um ein karges Stück Land im Südatlantik, auf dem hauptsächlich Pinguine und ein paar Tausend Menschen leben. Seit 1833 gehören die Falklandinseln politisch zum 12.735 Kilometer weit entfernten Großbritannien. Das geographisch näher liegende Argentinien stellt seit jeher Ansprüche darauf. Weil Diktator Leopoldo Galtieri 1982 von innenpolitischen Problemen und der drohenden Wirtschaftskrise abzulenken versucht, schickt er kurzerhand seine Truppen auf die Inseln, um tags darauf triumphierend die Rückeroberung der Malvinas zu verkünden.

Das unter der Militärdiktatur geschundene Volk jubelt. Menschen ziehen durch die Straßen der Hauptstadt, schwenken Fahnen und feiern ihre tapferen Soldaten. Aber schon bald schlägt der Jubel ins Gegenteil um. Denn die Rechnung hatte Argentiniens Diktator ohne die bestens ausgebildeten Streitkräfte Großbritanniens gemacht: Nach 649 Gefallenen und 74 Tagen Krieg mussten die argentinischen Soldaten ihre Waffen abgeben. »Wir gingen als Helden fort und kamen als Versager zurück«, erinnert sich Luis Giannini an den Tag, als er aus dem Krieg heimkehrte. Mitten in der Nacht brachte man die Soldaten in die Kasernen. Die Fenster der Busse waren mit Tüchern verhängt und man verbot ihnen, über den Krieg zu sprechen. »Sie haben uns versteckt«, sagt er. So, als hätte es nie einen bewaffneten Konflikt gegeben. So, als hätte Argentinien den Falklandkrieg nie verloren.

Seit dem Krieg sind 32 Jahre vergangen. Dass der Staat sie bis heute als Kriegsveteranen nicht anerkennt, können die Männer auf dem Platz vor dem Präsidentschaftspalast nicht nachvollziehen. »Es waren nicht nur Soldaten auf den Falklandinseln vom Konflikt betroffen, sondern auch wir, die wir am Kontinent Befehle ausgeführt haben«, sagt Luis. Er fungiert als Sprecher der Gruppe, die sich »Veteranen des Operationsgebietes Südatlantik« nennt. Ihr gehören rund 400 ehemalige Soldaten an. Sie alle waren während des Falklandkrieges auf den Militärbasen an der Atlantikküste stationiert. Vor sechs Jahren haben sie sich zum Protest organisiert. Luis schätzt, dass sich landesweit bis zu 8.000 Männer in einer ähnlichen Situation befinden. Wie viele es genau sind, kann er aber nicht sagen. Offizielle Rekrutenlisten gibt es nicht.

»Das Schlimmste am Krieg war die Zeit danach«, sagt Luis. Die Argentinier waren auf eine Niederlage nicht vorbereitet und damit beschäftigt, zur Demokratie zurückzufinden. Die jungen Männer, die aus dem verlorenen Krieg heimkehrten, wurden von Staat und Gesellschaft im Stich gelassen. »Diese Gleichgültigkeit bringt dich um«, sagt er und deutet auf seine vernarbten Handgelenke.

Tatsächlich nahm sich der Staat erst zehn Jahre nach Kriegsende, in den frühen Neunzigern, der Kriegsveteranen an. Die Selbstmordraten hatten alarmierende Höhen erreicht. Die Politik versuchte mit Gesetzen gegenzusteuern, versprach finanzielle und psychologische Unterstützung. »Wir waren in diesen Gesetzen inkludiert«, erklärt Luis. Doch dann wurde infrage gestellt, ob es sich bei den am Kontinent stationierten Wehrpflichtigen tatsächlich um Kriegsveteranen handelte. »Uns wurde gesagt, wir gehörten nicht dazu, weil wir die Falklandinseln nie betreten hatten.« Die Gesetze wurden mehrfach reformiert und die Definition, welche Gebiete zum Kampfschauplatz des Falklandkrieges gehörten, wiederholt abgeändert. Am Ende waren jene Soldaten, die auf den Malvinas, in der Luft und in der Kriegszone im Meer stationiert waren, offiziell anerkannt. Die Kontinentsoldaten nicht.

Das Problem liegt in der unvollständigen Dokumentation des Falklandkrieges. Viele der offiziellen Berichte, die Antworten auf offene Fragen geben könnten, halten sowohl der argentinische als auch der britische Staat bis heute unter Verschluss. Historiker sprechen von einer »Desmalvinización«, von der Verdrängung des Konflikts, den man der Militärdiktatur zurechnet. Um zu verstehen, was während des Krieges tatsächlich passiert ist, kann man demnach nur auf Erfahrungs- und Zeitungsberichte zurückgreifen. »Viele der anerkannten Veteranen stellen es so dar, als wären wir am Kontinent auf Urlaub gewesen«, sagt Luis Giannini. Für ihn sieht die Realität anders aus.

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Nur wenige Häuserblocks vom Präsidentschaftspalast entfernt, im illustren Stadtteil San Telmo, befindet sich die Kanzlei von Roberto Martínez. Er ist Rechtsanwalt und hat sich 2010 dem Thema der Kriegsveteranen angenommen. Über 1.000 Fälle sind es, die er mit zwei Mitarbeitern aktuell bearbeitet. Für ihn ist die Sache klar: Die Männer haben die staatliche Anerkennung verdient.

»Die britischen Flotten wurde aus der Luft attackiert. Doch die Kampfjets starteten nicht auf den Malvinas sondern auf dem Kontinent«, sagt er. Auch Transportflüge zu den Falklandinseln wären von Küstenstädten wie Trelew, Comodoro Rivadavia, Río Gallegos oder Río Grande aus geführt worden. Und ohne die Soldaten am Boden wäre ein Krieg gar nicht möglich gewesen. Demnach handelte es sich bei den Militärbasen an der Küste um strategisch wichtige Punkte. Und diese hätten von Einheiten der britischen Streitkräfte jederzeit angegriffen werden können.

Luis Giannini zeigt auf die 17 Kreuze neben dem Plastikverschlag. »Die ersten Toten gab es am Kontinent.« Gut erinnert er sich an das schallenden Pfeifen der Sirenen, das höchste Alarmstufe bedeutete. An die kalten, nassen Nächte, die er im Schützengraben verbrachte und auf das Meer hinausstarrte. Die geladene Waffe immer griffbereit. »Irgendwann in der Früh kamen unsere Vorgesetzten und erzählten von einem abgestürzten Helikopter.« Erst später sollte er erfahren, dass die Briten den Helikopter abgeschossen hatten. Dass zwei feindliche U-Boote vor der Küste kreuzten. Und dass am Kontinent britische Elitesoldaten aufgegriffen worden waren. »Mir kann niemand erzählen, dass ich nicht im Krieg war«, sagt er.

Alle Männer auf dem Platz erzählen ähnliche Geschichten und versichern: Hätten sie die Militärbasen am Kontinent nicht verteidigt, hätten die Briten Flugzeuge am Boden in die Luft gesprengt und die argentinischen Piloten im Schlaf getötet. Als ein Pilot des britischen Special Air Service im Jahr 2008 ein Buch über den Falklandkrieg veröffentlicht, bekommen ihre Aussagen überraschend Unterstützung vom ehemaligen Feind. Es gab Infiltrierungsversuche, schreibt Richard Hutchings, der das Buch im April neu aufgelegt hat. Auf Anfrage bestätigt er seine Aussagen. Er selbst habe einen der Hubschrauber geflogen, der britische Soldaten auf das argentinische Festland brachte.

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»Das Absurde ist, dass die Namen der 17 am Kontinent gefallenen Soldaten in den Listen der Kriegshelden auftauchen«, sagt Rechtsanwalt Roberto Martínez. Anfang der Neunziger ließ der damalige Präsident Carlos Menem in der Nähe des Hauptbahnhofes ein Denkmal für die Toten des Falklandkrieges errichten. 649 Namen wurden in Stein gemeißelt. Auch die der Besatzung des abgeschossenen Helikopters. Die Hinterbliebenen erhalten heute finanzielle Zuwendungen vom Staat. »Um als Kontinentveteran anerkannt zu werden, muss man tot sein«, schließt Roberto Martínez daraus. »Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.«

Dabei geben internationale Abkommen, wie etwa die Genfer Konvention, den Kontinentsoldaten eigentlich recht. Auch der französische Veteranenverband ARAC hat sich die Situation angesehen und kam zu dem Schluß, der Staat müsse die Männer anerkennen. Selbst Richard Hutchings, der ehemalige Pilot des britischen Special Air Services, erklärt sich mit den Kontinentsoldaten solidarisch. National wäre eine Anerkennung leicht umzusetzen. »Es müsste ein einziges Gesetz reformiert werden«, sagt Roberto Martínez, kramt in seinen Unterlagen und legt einen entsprechenden Gesetzesentwurf aus dem Jahr 2012 auf den Tisch. Doch passiert ist bisher nichts.

Den Grund für die Untätigkeit der argentinischen Regierung kennt eine Frau, deren Büro sich im siebten Stock eines modernen Glaskomplexes direkt gegenüber des Kongressgebäudes befindet. Patricia Bullrich ist Nationalratsabgeordnete der Opposition und hat den Gesetzesentwurf gemeinsam mit drei Kollegen im Abgeordnetenhaus eingebracht. »Hier geht es ums Geld«, sagt sie. Denn: Wer als Kriegsveteran anerkannt wird, hat Anspruch auf finanzielle Unterstützungsleistungen vom Staat und eine erhöhte Pension. »Das Problem ist, dass man nicht genau weiß, wie viele Männer für den Falklandkrieg eingezogen wurden. Die Regierung hat Angst, dass die Kosten ins Unendliche steigen könnten und zieht es deshalb vor, gar nichts zu machen«, erklärt sie.

Der Gesetzesentwurf wurde im Abgeordnetenhaus abgelehnt. Patricia Bullrich brachte ihn ein zweites Mal ein. Wieder negativ. »Sehr viel mehr kann ich als Oppositionelle nicht machen«, sagt sie. »Hier müsste die Regierung die Initiative ergreifen.«

Manche der ehemaligen Soldaten sind mit ihren Forderungen inzwischen vor Gericht gezogen. Doch für diesen Weg braucht es einen langen Atem und viel Geduld, weiß Roberto Martínez. »Es ist schwierig einen Richter zu finden, der sich der Sache annimmt«, sagt er. »Und dann werden die Fälle über Jahre hinweg verschleppt.« Auch er glaubt, dass es hauptsächlich ums Geld ginge. Der Falklandkrieg wäre ein heikles Thema und die Aufarbeitung der Militärdiktatur habe gerade erst begonnen. »Man zieht es vor, die Kontinentveteranen auf dem Platz vor dem Regierungspalast zu belassen, als eine konkrete Entscheidung zu treffen«, sagt er. Um ja nichts falsch zu machen, um niemandem auf den Schlips zu treten. Dabei liegt seit 2010 ein Urteil des Obersten Gerichtshofes vor, das die Anerkennung der Kontinentsoldaten als Kriegsveteranen verlangt. »Aber das interessiert niemanden«, sagt er.

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Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner lebte zur Zeit des Krieges an der Atlantikküste. Am Gedenktag zu Ehren der Gefallenen der Malvinas erinnert sie sich in ihrer Rede an die nächtlichen Fliegeralarme. Daran, dass die Bewohner von Río Gallegos Häuser und Autos verdunkeln mussten. Dass die Gefahr bestand, die Stadt könnte vom Feind bombardiert werden. Würde sie heute auf den Balkon des Präsidentschaftspalastes hinaustreten und ihren Blick über den Platz schweifen lassen, käme sie nicht umhin, auch die Worte auf den Plakaten der Kontinentveteranen zu lesen.

Seit sechs Jahren halten die »Veteranen des Operationsgebietes Südatlantik« inzwischen auf dem Platz vor dem Präsidentschaftspalast die Stellung. Jeden Tag, 24 Stunden. Selbst zu Weihnachten und Neujahr ist jemand unter den Plastikplanen anzutreffen. Als sie das Camp errichteten, glaubten die Männer, innerhalb weniger Wochen wieder abziehen zu können. Doch sie hatten sich geirrt. Während Luis Giannini seine Geschichte erzählt, wandert sein Blick immer wieder ins Leere. Bis heute lassen ihn die Erinnerungen an den Krieg nicht in Ruhe. Die Anerkennung würde ihm Frieden geben, glaubt er. Er würde sich nicht mehr als Versager fühlen. Und die Männer könnten das Camp endlich abbauen. Mit der Vergangenheit abschließen. »Wir sind unglaublich müde, aber wir müssen weitermachen«, sagt er. So lange, bis die Politik reagiert.

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Argentiniens Déjà-vu

Lateinamerika, Sozialer Protest

Doña Rachel Angélica kann sich ihr Leben nicht mehr leisten. Jeden Tag sitzt sie in der Nähe ihres Hauses in der Straße Ecuador und wartet. Darauf, dass jemand vorbei kommt und ihr ein paar Centavos in die Hand drückt. Eigentlich bekommt die 65-jährige Witwe eine staatliche Pension von monatlich 2.477 Pesos, umgerechnet 225 Euro. Doch das Geld reicht nicht zum Leben, rinnt immer schneller durch die Finger.

Seit einigen Wochen erlebt Argentinien ein Déjà-vu. Der Staat befindet sich in einer wirtschaftspolitischen Krise und das kann spätestens seit der Abwertung des argentinischen Pesos Ende Januar kaum noch jemand bestreiten. Manch regierungskritischer Journalist geht so weit, die aktuellen sozialen und politischen Spannungen mit der Situation Ende 2001 zu vergleichen, als im Land ein stark aufgeheiztes Klima herrschte und Argentinien 2002 schließlich Staatsbankrott anmelden musste. Ganz so dramatisch ist die Lage heute freilich nicht. Und doch: sie spitzt sich zu.

Die Inflation rattert fröhlich vor sich hin, führt zu teils immensen Teuerungen der Lebenshaltungskosten. Zahlte man etwa für einen Becher Joghurt im Dezember des vergangenen Jahres noch 1,99 Pesos (0,18 Euro), so muss man inzwischen 7,45 Pesos (0,68 Euro) dafür hinlegen – das entspricht einer Preissteigerung von 275% innerhalb weniger Wochen, die vor allem die Mittelschicht zu spüren bekommt. Und Menschen wie Doña Rachel Angélica, die auf staatliche Zahlungen angewiesen sind.

Den Ernst der Lage will sich die seit 2007 amtierende und 2011 wiedergewählte Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner aber offenbar nicht eingestehen. Als sie Anfang März die neue Sitzungssaison des Parlaments eröffnete, nahm sie das Wort »Inflation« in ihrer dreistündigen Rede nicht einmal in den Mund. Auch zuvor wurde das Thema totgeschwiegen, Statistiken beschönigt, geldgierige Supermarktketten und Spekulanten für die enormen Preissteigerungen verantwortlich gemacht. Es ist der öffentliche Diskurs, mit dem man den Kirchnerismo der letzten Jahre zu verteidigen versucht. Und die hohe Inflation – die laut offiziellen Angaben bei jährlich 10% liegt, während sie unabhängige Experten auf bis zu 40% für das Jahr 2014 schätzen – wird gekonnt ausblendet.

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Die Realität aber spiegelt wieder, was schon länger unter der Oberfläche brodelt: Das Volk probt den Aufstand. Erst im Dezember legte die argentinische Polizei in weiten Teilen des Landes ihre Arbeit nieder, um die Forderung nach der Verdoppelung ihres Gehalts durchzusetzen. In Folge des Streiks herrschte Chaos, kam es zu Ausschreitungen und Plünderungswellen, gab es Verletzte und Tote. Und jetzt im März sollte nach den großen Sommerferien eigentlich wieder der Unterricht für Argentiniens Schüler beginnen. Doch auch hier geht es ums Geld: Die Lehrergewerkschaften feilschen um bis zu 61% höhere Löhne und drohen mit einem Generalstreik, sollte ihnen die Regierung nicht entgegen kommen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo im Land protestiert wird. Allein im Februar gab es landesweit 519 Straßenblockaden, mithilfe derer Hauptverkehrsrouten lahmgelegt wurden und Gewerkschaften versuchten, ihre Forderungen durchzubringen. Das Wissenschaftsinstitut Diagnóstico Político misst anhand dieser so genannten »Piquetes« das soziale Konfliktpotenzial: ein neuer Monatsrekord seit Februar 2009.

Unterdessen herrscht in der Straße Florida im Zentrum von Buenos Aires chaotisches Treiben. Massen an Touristen drücken sich durch die enge Einkaufsmeile, die den Glanz vergangener Tage längst verloren hat. Immer wieder hallt ein kräftiges »Cambio, cambio!« aus einer der vielen Ecken über die Straße. Ein Wort, das den Weg in eine der illegalen Wechselstuben, getarnt als Reisebüros oder Antiquitätenhändler, weist. In diesen Monaten stehen die Menschen dort Schlange, auf den Theken liegen dicke Geldschein-Bündel. Die angespannte Situation lässt viele Argentinier in alte Muster zurückfallen. Sie suchen Sicherheit im Anhäufen harter Währungen, allen voran des US-Dollars.

Das ist gar nicht so einfach, hat die Regierung den privaten Dollar-Kauf 2011 doch stark reglementiert und hoch versteuert. Bis dahin florierte die Wirtschaft des Landes, die Euro-Krise nahm man in Lateinamerika kaum wahr. Doch das Nachlassen des starken Wachstums bringt Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner heute immer stärker in die Bredouille. Die hohen Subventionierungen von Strom, Gas, Wasser und Transport, die die Verbraucherpreise drücken sollten, sind immer schwerer aufrecht zu erhalten. Der Preis des U-Bahn-Tickets steigt beträchtlich, zahlte man 2012 noch 2,50 Pesos (0,22 €), so werden ab Mitte März diesen Jahres bereits 4,50 Pesos (0,41 €) dafür fällig.

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Argentinien braucht Geld und so greift die Regierung mittlerweile zu teils radikalen Maßnahmen, um Devisenabflüsse einzudämmen und die Auswirkungen der hohen Inflation – die sie nach wie vor dementiert – auf die Bevölkerung abzufedern. Seit Februar 2012 muss jeder Import von den argentinischen Behörden genehmigt werden. Dies führt dazu, dass Waren teilweise wochenlang beim Zoll festhängen und in den Supermarktregalen fehlen. Mit der vielleicht skurrilsten Maßnahme verpflichtete die Regierung schon 2011 ausländische Unternehmen, Produkte im selben Wert auszuführen, wie sie nach Argentinien importierten. Das führte dazu, dass etwa Autohersteller wie Porsche und BMW plötzlich Wein, Olivenöl oder Reis exportierten. 2012 kündigte die Regierung außerdem an, den Ölkonzern YPF zu verstaatlichen und den größten Eigentümer, die spanische Repsol, damit schlicht zu enteignen. Im Februar diesen Jahres wurden die Verhandlungen um Entschädungszahlungen an den ehemaligen Haupteigentümer trotz zwischenstaatlicher Spannungen abgeschlossen. Dennoch brachte dieses Vorgehen Argentinien 2012 eine EU-Klage vor der Welthandelsorganisation wegen Protektionismus ein.

Die hohe Inflation konnte durch all diese Maßnahmen nicht gebremst werden. Inzwischen hat die Regierung Preise ausgewählter Produkte des täglichen Bedarfs unter dem Schlagwort »Precios Cuidados« eingefroren. Und die Argentinier tauschen weiter ihre Pesos in Dollar um, ein Indikator dafür, dass das Vertrauen in die Regierung schwindet. Nach offiziellem Wechselkurs bekommt man einen Dollar heute um knapp 8 Pesos, auf dem Schwarzmarkt zahlt man 11,20 Pesos dafür. Trotz der hohen Raten sind die Menschen bereit, ihre argentinischen Pesos gegen Dollar einzutauschen. Denn sollte es crashen wie vor zwölf Jahren, wären zumindest ihre Ersparnisse auf der sicheren Seite.

Doña Rachel Angélica hat diese Möglichkeit nicht. Ihr bleibt kein Geld, das sie umtauschen könnte.»Unter den Kirchners hat sich nichts geändert«, gibt die Pensionistin verdrossen von sich und zupft ihre Strumpfhose zurecht. Sie spricht von hoher Kriminalität. Beklagt, dass die Menschen kein Gewissen mehr hätten. Anfang Februar wurden die Pensionen angehoben. Um 11,31% auf umgerechnet 250 Euro. Doch selbst das wird nicht zum Leben reichen, denn die Inflation macht weiter ihre Sprünge. Und so wird Doña Rachel Angélica auch morgen wieder in der Straße Ecuador sitzen und hoffen, dass noch jemand Geld für sie über hat.

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Verlorene Städte

Lateinamerika, Migration

Polizei. Alles geht blitzschnell. Schlagknüppel knallen auf nackte Haut. Auf der Ladefläche des Pick-ups drei Männer, sie werden die Nacht im Gefängnis verbringen. Ein Schatten springt aus dem Gebüsch. Hastig läuft er über die Schnellstraße, stößt beinahe mit einem LKW zusammen und verschwindet schließlich zwischen den schützenden Häuserschluchten.

»Es gibt so viele Vorurteile und keinen interessiert, was wirklich los ist.« Der 28-jährige Juan Carlos scharrt mit den Füssen im staubigen Boden. Seine dunklen Augen wirken müde, die Kleidung ist schmutzig. »Wir sind keine Kriminellen«, fügt er leise hinzu. Autos rasen auf der Schnellstraße neben dem Kanal vorbei. Über die Brücke, die den Grenzübergang mit dem Stadtzentrum verbindet, marschieren unzählige Touristen. Tijuana. In den vergangenen Jahrzehnten verwandelte sich die mexikanische Stadt direkt an der Grenze zu den USA in eine traurige Berühmtheit: der Drogenhandel, die Prostitution und die irreguläre Migration haben sie in aller Welt bekannt gemacht. Eigentlich kommt Juan Carlos aus dem Süden Mexikos, doch der amerikanische Traum hat ihn bis nach Tijuana gebracht.

Schätzungen des U.S. Department of Homeland Security zufolge lebten 2010 über 6,6 Millionen Mexikaner in irregulärer Situation in den Vereinigten Staaten. Im selben Jahr wurden beinahe 282.000 davon des Landes verwiesen. In einem Bus werden sie an die Grenze zu Mexiko gebracht und durch ein einfaches Tor im Grenzzaun ins Nachbarland entlassen. »Jeden Tag werden bis zu 250 Personen nach Tijuana abgeschoben. In den vergangenen Jahren waren es mehr, ungefähr 400 pro Tag.« Victor Clark Alfaro sitzt in seinem kleinen Büro direkt gegenüber des Gebäudes der Stadtverwaltung von Tijuana. Unzählige Anerkennungen schmücken die vergilbten Wände. Er ist Professor an der San Diego State University und Direktor des binationalen Zentrums für Menschenrechte in der mexikanischen Grenzstadt. »Die Menschen, die abgeschoben werden, haben keine Arbeit. Für viele ist in Tijuana Endstation. Das wird allmählich zu einem sozialen Problem«, glaubt er.

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Nur schwach beleuchtet das Deckenlicht den Speisesaal. In der kleinen Küche füllen freiwillige Helfer Schüsseln mit Essen. Dunkle Gestalten sitzen an den Tischen und schlürfen Bohnenmus. »Die finanziellen Mittel unserer Organisation sind stark limitiert. Darum können wir nur während der ersten zwei Wochen nach der Abschiebung einen Schlafplatz, Duschen und warmes Essen anbieten« erklärt Ofelia Gress de Vargas. Die zierliche Frau leitet eine Herberge für Migranten, die von der Heilsarmee finanziert wird. Für gewöhnlich nimmt sich anfangs die mexikanische Einwanderungsbehörde der Abgeschobenen an und stellt erste Informationen zur Verfügung. Von den Deportees wird erwartet, dass sie sich Arbeit suchen oder in ihren ursprünglichen Herkunftsort in Mexiko zurückkehren. Doch in Zeiten der Wirtschaftskrise gestaltet sich all das relativ schwierig. »In dieser Stadt gibt es 50.000 Arbeitslose. Es ist momentan äußerst kompliziert, Arbeit zu finden«, macht Victor Clark Alfaro die Problematik deutlich. Darum landen viele der Abgeschobenen nach Ablauf der ersten zwei Wochen mittellos auf der Straße.

Die Sonne wirft ein Glitzern auf das wenige Wasser im Kanal. Still zieht es quer durch die Stadt. Vor vierzig Jahren konnte sich das Wasser noch frei durch Tijuana schlängeln. Mitte der 70er Jahre wurde es dann in eine breite Beton-Wanne gepfercht, die heute das Stadtbild prägt. »Im Kanal leben ungefähr 1000 Menschen. Wieviele es aber wirklich sind, weiß man nicht so genau. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger.« Victor Clark Alfaro hat die Bewohner des Kanals besucht. Einer Sache ist er sich gewiss: »Dort unten befinden sich verlorene Städte. Wenn die Menschen in Tijuana davon wüssten, wäre das ein großer Skandal.«

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»Die mexikanische Polizei ist schlimmer, als die US-amerikanische, sie jagen uns wie Verrückte.« Der 25-jährige Gerardo ist dabei, seine wenigen Habseeligkeiten zusammenzusammeln. Ein paar Stunden zuvor war eine Patrouille in den Kanal gekommen und hat die Menschen, die dort leben, festgenommen. Gerardo konnte gerade noch über die Schnellstraße entkommen. »Sie fragen uns nicht, wie wir heißen. Und wenn wir Geld oder Dokumente vorweisen, nehmen sie uns diese einfach weg. Sie schlagen uns mit ihren Stöcken und werfen Essen und Medikamente in den Kanal.«

Gerardo hat zuvor einige Jahre als irregulärer Migrant in den USA verbracht. Dann wurde er abgeschoben. Die Korruption der mexikanischen Polizei ist allgemein bekannt. Immer wieder klagen Menschenrechtsaktivisten die Missstände an. Die Abgeschobenen werden zumeist ohne klare Gründe festgenommen. Sie werden einem Richter vorgeführt, der die Höhe der Strafe festlegt. Bis zu 36 Stunden verbringen sie danach in Polizeigewahrsam. »Diese Menschen werden von Polizei und Justiz regelrecht zu Illegalen und Gejagten im eigenen Land gemacht«, erklärt Viktor Clark Alfaro.

In einem Bericht vom Juli 2008 beschreibt er 187 Fälle von polizeilichem Fehlverhalten, die ihm während des Zeitraums von August 2007 bis April 2008 gemeldet wurden. Doch die meisten Fälle kommen aus Angst vor einem noch härteren Vorgehen der Polizei erst gar nicht zur Anzeige. Diese argumentiert ihr Vorgehen als Präventionsmaßnahme zur Bekämpfung der Kriminalität. Viele der Migranten, die im Kanal leben, würden Diebstähle begehen und auf der Straße herumlungern, bekräftigt auch Aurelio Martinez Paz, Vize-Chef der Polizei von Tijuana. Juan Carlos schiebt das Hosenbein bis zum Knie hoch. Ein blauer Fleck. Er schaffte es nicht, sich schnell genug vor der Polizei in Sicherheit zu bringen. Tränen steigen ihm in die Augen. »Niemand kommt zu uns und fragt, warum wir auf der Straße leben. Ich habe nichts Schlimmes getan.«

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Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher und Zeitschriften. Victor Clark Alfaro wirkt dahinter beinahe verloren. »Man darf sich aber auch nichts vormachen«, murmelt er, »es leben auch Kriminelle im Kanal.« Es gibt unzählige Gründe, warum jemand aus den USA abgeschoben wird. In den meisten Fällen handelt es sich um Kavaliersdelikte, wie etwa Vergehen im Straßenverkehr. Diejenigen die größerer Verbrechen angeklagt wurden, sitzen ihre Haftstrafe für gewöhnlich in einem US-amerikanischen Gefängnis ab, bevor sie nach Mexiko abgeschoben werden. »Im Kanal leben ehemalige Häftlinge und Banden-Mitglieder, aber auch unbescholtene Menschen«, erklärt Victor Clark Alfaro.

Der Kanal ist ein rechtsfreier Raum, der Stärkere gewinnt. Darum finden sich viele der Menschen dort in Gruppen zusammen, um sich selbst zu schützen. Das Leben auf der Straße ist hart, viele kommen damit nicht klar, verfallen den Drogen. »Manche der Menschen, die man im Kanal sieht, leben nicht dort. Sie gehen dorthin, um Drogen zu verkaufen«, erklärt Victor Clark Alfaro. Viele der Abgeschobenen schnüffeln Klebstoff, andere Drogen können sie sich nicht leisten. Der Traum, in die USA zurückzukehren, hat sich mit der Zeit in einen nebeligen Rauschzustand im schmutzigen Kanal Tijuanas verwandelt.

Untertags versuchen sie Arbeit auf einem der Gemüse-Märkte zu finden oder putzen die Autos, die am Grenzübergang zu den USA warten. So verdienen sie ein paar Pesos, um sich Essen zu kaufen oder ihre Abhängigkeit zu finanzieren. Auf politischer Ebene versucht man inzwischen eine Lösung für die Menschen im Kanal zu finden. »Man will ihnen Arbeit anbieten und sie so von der Straße wegholen«, weiß Victor Clark Alfaro zu berichten. »Das Problem ist aber, dass jeden Tag unzählige Personen nach Tijuana abgeschoben werden und so auch ständig neue Menschen im Kanal ankommen. Ich weiß nicht, ob man die gesamte Problematik so lösen wird können.«

Juan Carlos und Gerardo wollen das Leben auf der Straße jedenfalls hinter sich lassen. Sie halten sich fern von Drogen und Alkohol. Juan Carlos sagt, dass er, wenn er es nicht bald über die Grenze in die USA schafft, in seine Heimatstadt in Südmexiko zurückkehren wird. »Dort ist das Leben immer noch besser, als in Tijuana«, ist er sich sicher.

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