Spiel mit jungen Träumen

Lateinamerika, Migration

Früher hatte Daniel einen Traum. Darin jubelte das Publikum, wenn er den Ball leichtfüßig vor sich herjagte. Feuerten ihn seine Fans an, so dass er noch schneller lief. Klatschten die Zuschauer, wenn ihm ein guter Pass gelang. Er wollte Profifußballer werden. In seinem Stadtviertel gab es junge Männer, die bei ausländischen Klubs unter Vertrag standen. Wenn sie auf Heimaturlaub kamen, organisierten sie Turniere für die Kinder der Nachbarschaft. Ihr Leben sah schön aus. Daniel Kombi wollte genauso werden. Nur noch das machen, wofür sein Herz brannte: Fußball spielen.

Alles begann in Douala, Kamerun. Auf Google Maps fährt Daniel mit dem Finger die Straßen seiner Heimatstadt entlang. Er deutet auf ein graues Rechteck auf dem Bildschirm. Das Haus seiner Eltern. Hier hat er seine Kindheit verbracht. Gegenüber eine freie Fläche. Der Fußballplatz. Hier hat er kicken gelernt. Drei Häuserblocks weiter die Schule. Er habe eine schöne Kindheit gehabt, sagt er. Seine Freizeit verbrachte er mit drei Schwestern, einem Bruder. Und dem Fußball. Einmal, sagt er, habe ihm sein Vater das Spielen verboten, weil er in der Schule schlechte Noten hatte. Er spielte trotzdem.

Sein Leben änderte sich vor vier Jahren, im Juni 2010. Die Sommerferien standen vor der Tür und Daniel freute sich auf die freie Zeit, die er mit seinen Freunden auf dem Fußballplatz verbringen würde. Doch es sollte anders kommen. Ein Mann kontaktierte seinen Vater. Er stellte sich als Spielervermittler mit guten Kontakten nach Argentinien vor. Der Junge hätte Talent, sagte der Agent, er könnte bei River Plate in Buenos Aires vorspielen. Daniel hatte von diesem Klub gehört: Rekordmeister der argentinischen Liga. Das war die große Chance. Die Möglichkeit, seine Träume zu verwirklichen. Der Agent zeigte ihm Fotos von anderen kamerunischen Fußballspielern, die er nach Argentinien vermittelt hatte. Er organisierte ein Telefonat mit einem von ihnen. »Ich glaubte diesem Mann«, sagt Daniel. Die Sache hörte sich plausibel an. Zu diesem Zeitpunkt wusste er nicht, dass er wenige Monate später mittellos auf der Straße stehen würde. Minderjährig. Mit nur fünfzehn Jahren.

Daniels Geschichte ist die Tausender Jugendlicher aus Afrika. Angeworben von vermeintlichen Spielervermittlern machen sie sich auf den Weg ins Ausland, um dort eine große Fußballkarriere zu beginnen. Die Agenten verlangen Geld: für das Visum, für das Flugticket, Vermittlungsgebühren. Tausende Euro. Die Familien der jungen Talente zahlen. Sie hegen die Hoffnung, dass sich ihre Söhne in Fußballgötter wie Samuel Eto’o verwandeln. Dass sie werden wie der Kameruner, der für den FC Chelsea in der englischen Liga spielt. Doch häufig verläuft sich der junge Traum von Afrikas Kindern in den verwinkelten Straßen fremder Städte. Von den vermeintlichen Agenten werden sie allein gelassen in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen. River Plate war eine leere Versprechung. Der Traum geplatzt wie eine Seifenblase.

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Buenos Aires, Stadtviertel Caballito. Beständig wippt Omar mit den Beinen auf und ab. Eigentlich wollte er zu diesem Gespräch nicht kommen. Jetzt sitzt er trotzdem hier. Er will nicht, dass etwas über ihn geschrieben wird, das andere von ihm erzählen. »Es ist nicht meine Schuld«, sagt er achselzuckend. »Er war einfach nicht gut genug.«

Omar ist der gute Kontakt, von dem der Spielervermittler in Kamerun gesprochen hatte. Er ist Fußballagent. Zumindest sagt er das, offizielle Lizenz hat er keine. Omar ist Mitte fünfzig, von korpulenter Statur, hat goldblond gefärbte Haare. Das halb zugeknöpfte Hemd gibt Einblicke auf seine behaarte Brust und den dicken Bauch frei. Wenn Omar von den Spielern redet, die ihm sein Partner aus Afrika schickt, spricht er von Waren. Seit sieben Jahren nimmt er solche Waren aus Kamerun entgegen.

Zehn Spieler hat Omar während der vergangenen Jahre betreut. Erfolgsquote bisher: Null. »Es war einfach kein Juwel dabei«, sagt er. Drei oder vier Monate gibt Omar den Jugendlichen Zeit. Wenn sie bis dahin keinen Klub gefunden haben, lässt er sie fallen. So wie Daniel. Im August 2010 holte Omar ihn vom Flughafen in Buenos Aires ab, im November ließ er ihn sitzen. »Ich kann mich nicht ewig um ihn kümmern«, sagt Omar. So wäre das Geschäft. Wer nicht funktioniere, werde aussortiert. Dass Daniel gar keine Chance hatte, erwähnt er nicht.

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Ein Mann, der viele solcher Fälle kennt, ist Jean Claude Mbvoumin. Er selbst stand acht Mal für das kamerunische Nationalteam auf jenem Rasen, der für viele Teenager die ganze Welt bedeutet. Seit zwanzig Jahren lebt er in Frankreich, wo er in den Neunzigern für verschiedene Profiklubs Fußball spielte. Einmal, erzählt Jean Claude, habe ihn die Botschaft seines Heimatlandes angerufen. Eine ganze Mannschaft 14-Jähriger war von ihrem Spielervermittler sitzen gelassen worden. Das war 1999. Als er die Kinder sah, wusste er, dass er etwas unternehmen musste.

Jean Claude spricht von Menschenhandel, wenn es um den Transfer minderjähriger Spieler ins Ausland geht. Im Dezember 2000 gründete er Foot Solidaire, eine NGO, die sich der Opfer dieses Handels annimmt. Schon länger dient Afrika als Fundgrube für junge Fußballtalente. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Suche nach Nachwuchsspielern vielerorts in ein schmutziges Spiel mit deren jungen Träumen verwandelt. »Wendepunkt war das Jahr 1995«, sagt Jean Claude. Damals wurde am Europäischen Gerichtshof das Bosman-Urteil gefällt: Es erlaubte den ablösefreien Wechsel von Spielern zu anderen Klubs und kippte die zuvor bestehenden Ausländerklauseln. Kleine Klubs verloren ihre besten Spieler. »Damit begann die massive Rekrutierung in Afrika«, sagt er. Denn: Afrikanische Ware ist billig.

Die Nachfrage nach neuen Spielern und die Hoffnung afrikanischer Familien, durch ihre Söhne der Armut zu entfliehen, ruft dubiose Gestalten auf den Plan. Sie geben an, über Kontakte zu ausländischen Fußballklubs zu verfügen: FC Paris Saint-Germain, FC Barcelona, FC Chelsea London. Es sind klingende Namen, mit denen sie um sich werfen. Neuerdings auch von Klubs in Asien oder Lateinamerika. Sie versprechen Probespiele bei den besten Vereinen mit Aussichten auf einen Vertrag. »Die Familien der jungen Fußballspieler fallen auf diese Betrüger herein«, sagt Jean Claude Mbvoumin. Gefälschte Agentenausweise, Fotos angeblich vermittelter Spieler und die scheinbare Einladung eines Klubs zum Vorspielen überzeugen sie. Auch Daniels Foto von einem Besuch im Stadion von River Plate schmückt heute die Facebook-Seite jenes Mannes, der ihn nach Argentinien gebracht hat. »Er erzählt jetzt wahrscheinlich anderen Kindern, dass ich dort unter Vertrag stehe«, sagt Daniel. Dabei hat er den Rasen dieses Stadions nie betreten.

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Auch wenn es um Klubs im Ausland ginge, wäre das Hauptproblem in Afrika zu suchen, sagt Jean Claude Mbvoumin. »Den Familien ist oft nicht bewusst, welches Risiko sie eingehen, wenn sie ihre Söhne in die Hände dieser Fremden geben.« Für die vermeintlichen Agenten sind die Kinder Rohstoffe, aus denen Profit geschlagen werden kann. Auch Omar fühlte sich Daniel gegenüber zu nichts verpflichtet. »Wenn er minderjährig ist, dann liegt die Verantwortung bei seinen Eltern«, sagt er. Diese hätten ihn ins Ausland geschickt. Nicht er, Omar. Er habe sich an seinen Teil der Vereinbarungen gehalten und den 14-Jährigen zu verschiedenen Klubs zum Vorspielen gebracht.

»Für mich war Omar eine Vertrauensperson«, sagt Daniel. Er sitzt im Halbdunkel seines Zimmers in Tres Arroyos, einer verschlafenen Kleinstadt 500 Kilometer südlich von Buenos Aires. Die Jalousien sind nur wenige Zentimeter geöffnet. Draußen ist es kalt, der Winter hält Einzug in Argentinien. Sein Vertrauen wurde enttäuscht. Heute, vier Jahre später, erhebt er Vorwürfe gegen Omar. Dieser habe ihn zwar zu Klubs gefahren, aber lediglich zum Trainieren. Er habe ihn erst dann wieder abgeholt, als die Verantwortlichen des Vereins bereits nach Hause gegangen waren. Keine Gespräche über ein mögliches Probespiel. Für seine Dienste verlangte Omar Geld: monatlich umgerechnet 500 Euro. Der bestreitet das. Doch in den E-Mails, die er an Daniels Vater schickte, verlangt er ausdrücklich um Überweisungen an sein Konto.

Im Jahr 2001 hat die Weltfußballorganisation FIFA in ihrem Reglement ein Statut erlassen, das den internationalen Transfer von Kindern nur unter strengen Auflagen erlaubt – um genau diesen Handel mit minderjährigen Fußballerspielern zu unterbinden. Omar hätte wissen müssen, dass Daniel als Minderjähriger von keinem Club verpflichtet werden darf. Dass die FIFA diese Regeln ernst nimmt, musste im April diesen Jahres der spanische FC Barcelona erfahren. Der legendäre Klub wurde zu Strafzahlungen und Transfersperren verdonnert, nachdem bekannt wurde, dass er zwischen 2009 und 2013 zehn ausländische U16-Kicker transferiert und bei Fußballspielen eingesetzt hatte. Es ist das erste Urteil dieser Art seit Einführung der Regularien.

Omar schreckt das nicht ab. Nächstes Jahr will er selbst nach Afrika reisen, um seine Spieler auszusuchen. Denn mit der Auswahl seines Partners aus Kamerun ist er nicht zufrieden. Zu alt wären die Fußballer, zu wenig formbar. »Ich habe ihm gesagt, dass ich nur die Besten will«, sagt Omar. Er hofft noch immer auf den großen Coup.

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Jean Claude Mbvoumin setzt unterdessen auf Sensibilisierung. Er trifft sich mit Vertretern europäischer Klubs, des Weltfußballverbands, der Vereinten Nationen, des Europarats. Kürzlich konnte er einige Botschafter der Afrikanischen Union für Gespräche gewinnen. »Afrika muss seine Jugend schützen«, sagt er. Das heißt: den lokalen Sport fördern und weiterentwickeln, Jugendschutzgesetze verabschieden, Kontrollmechanismen einführen. Und jene Personen, die in den illegalen Handel von minderjährigen Fußballspielern involviert sind, zur Rechenschaft ziehen. »Auch die Eltern, die ihre Kinder falschen Agenten übergeben«, sagt er. Hier müsse man ein Exempel statuieren.

Nachdem ihn der vermeintliche Spielervermittler sitzen gelassen hatte, war der damals 15-jährige Daniel auf sich selbst gestellt. »Das war die schlimmste Zeit meines Lebens«, sagt er heute. »Ich ging mit positiven Gefühlen aus Kamerun weg. Ich dachte, man würde hier in Argentinien auf mich warten.« Nie habe er geglaubt, alles selbst organisieren zu müssen. Er hatte keinen Klub, nicht einmal einen zum Trainieren. Es gab keine Möglichkeit, die Schule zu besuchen. Das Touristenvisum war abgelaufen, er illegal im Land.

Sechs Monate schlug sich Daniel alleine durch. Dann erzählte ihm ein Bekannter von einem Trainingszentrum für Fußballspieler ohne Klub. Eine erste Anlaufstelle. Dort konnte er trainieren, um für seinen großen Traum in Form zu bleiben. »Der Trainer fragte nach meinem Alter«, sagt er. Fünfzehn. Ob er Aufenthaltspapiere hätte. Hatte er keine. Der Mann riet ihm, sich bei der Migrationsbehörde zu melden. Und er stellte ihm eine Frau vor, die bereit war, die Vormundschaft für ihn zu übernehmen. Nur so konnte er als Minderjähriger seine Papiere in Argentinien in Ordnung bringen.

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»Das Wichtigste ist, dass diese Kinder wieder zur Schule gehen«, sagt Jean Claude Mbvoumin. Sie davon zu überzeugen, wäre eine der schwierigsten Aufgaben seiner NGO. Doch nur mit einem Schulabschluss hätten die Jugendlichen eine Zukunft. »Wenn man mit ihnen spricht, merkt man, dass sie an nichts anderes denken, als den Fußball. Wir müssen ihnen erklären, dass es auch ein Leben außerhalb gibt«, sagt Jean Claude. Auch Daniel musste zu dieser Einsicht kommen. Ein Jahr, nachdem er Kamerun verlassen hatte, besuchte er wieder den Unterricht. Der argentinische Staat unterstützte ihn dabei finanziell. Er lernte Spanisch und fand neue Freunde. Heute ist er froh, dem Rat seines Trainers gefolgt zu sein. »So habe ich ein zweites Standbein, falls das mit dem Fußball doch nicht funktioniert«, sagt er.

Trotzdem hat er seinen Traum noch nicht ganz aufgegeben. Sein achtzehnter Geburtstag war für ihn ein wichtiger Tag, denn von da an konnte er legal in einem Fußballklub verpflichtet werden. Und tatsächlich wollte ihn ein kleiner Verein in der Provinz von Buenos Aires haben: Huracán Tres Arroyos. Stolz zeigt er den Wikipedia-Eintrag des Klubs, wo neben den Namen der argentinischen Spieler auch sein eigener aufgelistet ist. Bis heute hat er von diesem Klub keine Geld bekommen. Und er lebt dort, wo es keine asphaltierten Straßen mehr gibt, in einer heruntergekommenen Unterkunft ohne Heizung. Trotzdem glaubt er, seinem Traum ein Stück weit näher gekommen zu sein. »Jetzt kann ich meiner Familie manchmal auch gute Nachrichten überbringen«, sagt Daniel. Zum Beispiel die, dass sein Klub das letzte Spiel vier zu zwei gewonnen hat.

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Tiger im Wald

Europa, Migration

Wien Meidling. Der kühle Wind fegt die letzten Reste des Spätsommertages über den Bahnsteig. In großen gelben Lettern steht der Name des Zugendbahnhofes auf der Anzeige – Roma Termini. Vinda umarmt flüchtig seine Freunde, steigt ein, winkt. Dann fährt der Zug ab, verlässt das nächtliche Wien.

Ein Jahr zuvor. Es ist still am Monte del Renegado, nur die Grillen zirpen. »In der Wüste sind zwei meiner Freunde gestorben«, sagt Babu. Der 25-Jährige vergräbt sein Gesicht in den Händen und atmet tief durch. Als er wieder aufschaut, hat er Tränen in den Augen. Verlegen wischt er sie weg. Er schüttelt den Kopf. Nein, wenn er gewusst hätte, wie diese Reise verlaufen würde, wenn man ihm gesagt hätte, dass man ihn ausrauben, schlagen, einsperren und demütigen würde, hätte er sie nie angetreten. Babu ist einer von 54 Indern, die 2006 als irreguläre Migranten nach Ceuta kamen, gestrandet in der spanischen Exklave am afrikanischen Kontinent, nördlich von Marokko. Nur die 21 km breite Straße von Gibraltar trennt sie von ihrem Traum, dem spanischen Festland, von Europa.

Ihr Zuhause ist ein Camp im Wald. Es lässt ein Gefühl von Sommer und Ferienlager aufkommen, doch für die indischen Migranten ist all das kein Spiel, es ist harte Realität. Zwei Jahre verbrachten sie im Centro de Estancía Temporal para Inmigrantes , einer Art Auffanglager. Es ist eigentlich darauf ausgelegt, für Menschen, die die Grenze illegal überschreiten, eine erste Anlaufstelle mit sozialer Grundversorgung zu sein. Das Zentrum in Ceuta fasst 512 Personen, zeitweise sind jedoch mehr Menschen darin untergebracht. Viele Migranten leben seit Jahren dort. Senegalesen, Nigerianer, Pakistaner, Inder. Im April 2008 machten Gerüchte die Runde, dass die Inder abgeschoben werden sollten. Jetzt. Nach zwei Jahren. Die Gruppe fasst einen Beschluss, sie will nicht kampflos aufgeben. Die Inder fliehen in die Wälder des nahegelegenen Berges, auf den Monte del Renegado.

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Zwei Jahre dauerte die Odysee. Alles begann in Indien, mit einer leeren Versprechung. »Ein Mann sprach mich damals an der Universität an«, erklärt Babu. Er würde in der Europäischen Union leben und arbeiten können, alles legal, sagte man ihm. Umgerechnet 8.000 Euro sollte er dafür auf den Tisch legen. Der Großteil der indischen Migranten, die in Ceuta im Wald leben, kommt aus der nördlichen Provinz Punjab, einer Gegend, die von Landwirtschaft dominiert ist. Um die Reisen der Söhne zu finanzieren, verkauften ihre Familien Ländereien oder verschuldeten sich bei Freunden und Banken. Die jungen Männer sollten diese Chance wahrnehmen können. Sie bestiegen den Flieger in Neu Delhi. Reiseziel Addis Abeba, die Hauptstadt Äthiopiens.

»Wir wurden von Männern abgeholt, die uns in ein Haus brachten. Dort mussten wir ihnen unsere Pässe geben, für das Visum.« Babu schaut auf den Boden und schüttelt den Kopf. »Die Pässe haben wir nicht mehr zurückbekommen.« Die Inder waren in die Fänge von Menschenschmugglern geraten. Monate verbrachten sie in dem Haus in Addis Abeba, eingesperrt. Danach ging die Reise nach Burkina Faso, nach Mali und von dort aus in die Saharische Wüste von Algerien. »Zu Fuß und mit dem Auto waren wir unterwegs. Wir wussten nicht, wann wir zu essen oder trinken bekommen würden und manchmal hat die Mafia das Wasser mit Benzin vermischt, damit wir nicht so viel trinken. Meine Freunde sind daran gestorben.«

Die Sahara gilt für Immigranten als einer der gefährlichsten Teile der Reise nach Europa. Nicht nur wegen der natürlichen Gefahren, die die Wüste birgt, sondern auch, weil man in ihr der Polizei ausgeliefert ist. Babu erzählt, dass er die Grenze zwischen Marokko und Algerien mehrmals überquert hat. Wie oft? Irgendwann habe er aufgehört zu zählen, sagt er. Immer, wenn sie es nach Marokko geschafft hatten, kam die Polizei und brachte sie zurück nach Algerien. Unter Experten ist dieses Phänomen bekannt. Das europäische Netzwerk Migreurop zitiert in seinem Ende 2009 erschienenen Jahresbericht Hicham Baraka, den Vorsitzenden der marokkanischen Menschenrechts- organisation ABCDS, der von einem Ping-Pong-Spiel zwischen marokkanischen und algerischen Grenzwachen spricht.

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Vinda humpelt. Er kann nicht mehr auf seinen Fuß auftreten. Als er morgens bei der Tür hinausging, hat es plötzlich geknackst und er ist mit dem Bein umgeknickt. Die drei Jahre in Ceuta, die er die unwegsamen Hänge des Monte del Renegado hinauf- und hinablief, hat er sich nie verletzt. Ein Bänderriss im Knie. Und das ausgerechnet jetzt, wo er gerade erst nach Wien gekommen war und mit der Arbeit als Zeitungsausträger beginnen wollte. Diese Arbeit kann er vergessen, stiegensteigen kann er so nicht.

Der Tag liegt drückend heiß über Ceuta. Einer der Inder schleppt eine 25-Liter-Flasche Wasser den steilen Hang hinauf. Mitten am Weg bleibt er stehen, stellt die Flasche ab, verschnauft kurz. »Pani«, erklärt Babu, »ist ein sehr wichtiges Wort, es bedeutet Wasser. Sieben Monate haben wir gebraucht, um die Wüste zu durchqueren und wir wussten nie, wann wir an Wasser kommen würden.« Einer der Immigranten nähert sich. Seine Haut ist dunkel, die schwarzen Augen wirken vertrauenswürdig. Sein Arm ist von großen länglichen Narben überzogen. »Die Mafia wollte mehr Geld. Weil ich keines hatte und ich meine Familie nicht anrufen konnte, damit sie mir hilft, haben sie mir mit einer Machete Wunden zugefügt«, sagt er.

Der Großteil der indischen Migranten gehört der Religion der Sikhs an. In einem der Camps im Wald haben sie eine kleine Gurdwara, einen Sikh-Tempel, errichtet. Jeden Tag beten sie dort für eine bessere Zukunft. Das Leben im Wald zerrt an den Nerven, raubt Energie. Sehr rosig sieht die Zukunft in diesem schwülen Sommer 2009 nicht aus. »Seit drei Jahren sind wir jetzt in Ceuta und es kommt einfach keine Nachricht aus Madrid. Für die Politiker sind wir nur irgendwelche Nummern. Wenn sie uns abschieben wollen, warum haben sie das dann nicht schon in den ersten paar Wochen gemacht?«

Als süßes Gefängnis bezeichnen die Inder Ceuta. Die Wüste liegt hinter ihnen, sie sind in Sicherheit, doch sind sie trotzdem in der spanischen Exklave gefangen. »Das Schlimmste ist das Warten, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, das Leben nicht mehr selbst in der Hand zu haben.« Nach einer kurzen Pause fährt Babu fort und erklärt, dass alle männlichen Sikhs den Nachnamen Singh tragen. Er steht für die Gleichheit der Religionsmitglieder und bedeutet soviel wie Löwe oder Tiger. Darum nennt sich die Gruppe Los Tigres del Monte, die Tiger des Berges. »Wir sind stark und werden nicht aufgeben«, versichert er.

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Es ist warm, als Vinda in Wien ankommt. Zwei Tage Reise liegen hinter ihm. Von Barcelona aus hat er halb Europa durchquert, um nach Österreich zu kommen. Hier hat er Freunde. Und es soll Arbeit geben, mehr als in Spanien. Drei oder vier Tage verbringt er in Traiskirchen, wo er um Asyl bittet. Eine andere Möglichkeit gibt es für ihn in Österreich nicht. Dass er bald wieder abreisen wird, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Dezember 2009. Der Winter macht das Leben im Wald unerträglich. Die Kälte ist ständiger Begleiter am Monte del Renegado. Vom vielen Regen ist die Erde aufgeweicht und die Ratten retten sich unter die trockenen Verschläge in den Camps. Den Tag verbringt Babu in der Stadt, er arbeitet. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, Geld fürs Überleben zu verdienen. In der Nähe des Stadtzentrums weisen die Inder Fahrzeuge in Parklücken ein oder helfen vor den Supermärkten die Einkäufe in den Autos zu verstauen. So gibt es ein paar Cent, manchmal vielleicht auch einen Euro. Die Einwohner Ceutas zeigen sich solidarisch mit den indischen Migranten, viele versichern, dass die jungen Männer immer nett und zuvorkommend sind. Trotzdem ändert dies wenig an ihrer Situation, die Zukunft liegt in den Händen der Behörden. Im September hatte es erstmals eine Nachricht von Seiten der spanischen Regierung gegeben. Die Inder sollten aufs Festland gebracht und ihr Status legalisiert werden. Hoffnung. Doch vier Monate später ist die Lage unverändert, keine weiteren Nachrichten mehr.

Dann plötzlich geht alles Schlag auf Schlag. Polizei. Woher sie kämen, ob sie Papiere hätten. Zehn der Inder werden festgenommen und verbringen zwei Nächte im Gefängnis von Ceuta. Am zweiten Tag werden sie einem Richter vorgeführt. Er hält ihre Abschiebebescheide bereit. Und dann der Moment, auf den die Inder eigentlich so lange gewartet hatten. »Ich habe so oft die Fähren beobachtet, die den Hafen jeden Tag Richtung Europa verlassen. Aber ich habe mir die Reise immer anders vorgestellt.« Umgeben von lärmenden Touristen sitzt er jetzt auf seinem Platz. Rechts und links ein Polizist, die Hände in Handschellen. »Nein, ich habe nie gedacht, dass es so sein würde«, beteuert Babu.

Im Besucherraum des Centro de Internamiento de Extranjeros, dem Pendant zum österreichischen Schubhaftzentrum, ist die Stimmung gedrückt. Die Menschen unterhalten sich nur flüsternd. Eine Glaswand teilt den kahlen Raum in zwei Bereiche. »Zehn Minuten«, brüllt der Wachbeamte den Besuchern zu, während hinter der Scheibe vier Gestalten auftauchen. Wie im Zoo, möchte man denken. Babu lächelt, sagt etwas, doch man versteht ihn kaum. Jetzt ist es laut unter den Besuchern, alle wollen ihrem Gegenüber etwas mitteilen. »Ich habe mir dort viele Gedanken gemacht, im Schubhaftzentrum ist die Abschiebung nicht mehr fern.«, erklärt Babu Wochen später in Madrid. 58 Tage verbrachte er in Ungewissheit, danach ließ man ihn plötzlich frei. Ohne Papiere.

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»In Wien hätte ich keine Chance gehabt«, ist sich Vinda sicher. »Ich kenne dort kaum jemanden und mit dem kaputten Knie konnte ich nicht arbeiten. Darum bin ich nach Spanien zurückgekommen.« Er sitzt in der kleinen Küche der Gurdwara und schneidet Zwiebeln, Babu reinigt im Gebetsraum Glasschränke. In der Sikh-Gemeinschaft in Madrid haben die Inder Zuflucht gefunden. Sie verbringen beinahe den ganzen Tag im Tempel, kochen, putzen, helfen mit, wo Hilfe gebraucht wird. »Ich will nicht den ganzen Tag untätig in der Stadt herumlungern, ich will mich nützlich machen«, erklärt Babu. Arbeiten darf er laut spanischem Recht nicht. Dieses räumt allerdings die Möglichkeit ein, dass Migranten, die drei Jahre im Land zugebracht haben und einen Arbeitsvertrag vorweisen können, eine temporäre Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung beantragen können.

»Wir sind jetzt ein Jahr in Madrid, wir erfüllen alle Voraussetzungen, aber die indische Botschaft stellt uns keine Pässe aus«, klagt Babu. Viele Male war er bei der indischen Botschaft in Madrid, hat versucht einen neuen Pass zu beantragen, aber immer wieder wird er zurückgewiesen, auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. Ashish Sinha, zweiter Botschaftssekretär zeigt sich unwissend. »Natürlich kümmern wir uns um unsere Staatsbürger. Jeder, der einen Pass braucht, bekommt diesen auch«, versichert er vehement. »Aber es war niemand da, der nach einem Pass gefragt hat.« Babu und Vinda sind wütend, sie fühlen sich von den Behörden verhöhnt. »Die Spanier sagen, wir bräuchten unsere Pässe, die indische Botschaft gibt uns aber keine. Warum machen sie das?« Drei Monate können die Inder noch in der Unterkunft des Roten Kreuzes bleiben. Danach müssen sie woanders hin. Wohin? »Auf die Straße«, erklärt Babu flüsternd. »Wie sollen wir eine Wohnung mieten, wenn wir nicht arbeiten dürfen?«

34 der Tigres del Monte wurden gemeinsam mit Babu und Manvir Ende 2009 aufs spanische Festland gebracht. Die restlichen zwanzig sind heute immer noch in Ceuta. Bis kurz vor Weihnachten des abgelaufenen Jahres blieben sie im Wald. Dann gaben sie auf, nach beinahe 1000 Tagen am Monte del Renegado. Sie gingen zurück ins Centro de Estancía Temporal para Inmigrantes, jenes Zentrum, das vier Jahre zuvor ihre erste Unterkunft in Ceuta gewesen war. Die Direktion des Auffanglagers hat versprochen sich für sie einzusetzen, sie aufs spanische Festland zu bringen. Nach drei Wochen kommt Besuch, die indische Botschafterin. Kein gutes Zeichen, wie die Inder aus der Vergangenheit wissen. Denn immer dann, wenn ein Botschafter ins Auffanglager kommt, wird in den jeweiligen Staat abgeschoben. Der Botschafterbesuch dient der Identitätsfeststellung. Die Hoffnung aber stirbt zuletzt. »Wir werden weiter kämpfen«, sagt Babu, »auch für die, die noch in Ceuta sind.«

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Sie haben uns das Meer gestohlen

Europa, Migration

»Sie haben uns das Meer gestohlen«, ist sich Kofi sicher. Der junge Fischer aus Ghana meint damit die Europäer und hat gar nicht so unrecht. Die Europäische Union hat mit einigen westafrikanischen Staaten Fischereiabkommen beschlossen, die es europäischen Industrie-Flotten erlauben, vor den Küsten Afrikas zu fischen. Die Konsequenzen für die heimischen Fischer sind gravierend, denn die Meere sind nahezu leergefischt. Ganze Dörfer lebten zuvor vom Fischfang. Doch plötzlich waren sie gezwungen, sich nach neuen Einnahmequellen umzusehen, um das tägliche Überleben zu sichern.

Kofi hat im Sommer 2006 seine Sachen gepackt und sich auf den Weg nach Europa gemacht. An Bord eines einfachen Fischerbootes kam er auf die kanarischen Inseln. Die spanische Regierung selbst hat ihn – so wie viele andere – auf das spanische Festland gebracht und dort ohne Papiere freigelassen. Heute bestreitet er sein Leben in der Plantagenregion um Almería, wo Obst und Gemüse unter einem Meer aus Plastik angebaut und in die gesamte EU exportiert werden.

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»Anfangs hatte ich Arbeit in der Landwirtschaft. Damit konnte ich meine Familie in Afrika unterstützen, aber seit Ende 2007 ist es schwierig geworden, einen Job zu finden«, erklärt er. Vor ein paar Jahren brauchte man all diese Immigranten, um den Wohlstand Europas zu sichern. Doch seit es mit der europäischen Wirtschaft bergab geht, steht es auch um ihre Zukunft schlecht. Immigranten in irregulärer Situation, so wie Kofi, waren die ersten, die die Krise zu spüren bekamen. Heute glaubt er, dass es gerechter gewesen wäre, hätte man ihn sofort wieder nach Afrika zurückgeschickt und nicht aufs spanische Festland geholt, wo er sowieso nicht arbeiten darf.

Der 28-jährige Mann sitzt in einem abgenutzten Ledersessel, neben einer Couch mit hässlichem Blumenmuster und dem Fernseher das einzige Möbelstück im Raum. Von den kahlen Wänden bröckelt der Putz ab. Er ist einer der wenigen afrikanischen Migranten, die sich bereit erkärt haben, von ihrem Leben in Spanien zu erzählen. Zu stark misstraut man den Europäern. »Meiner Meinung nach haben die Spanier uns gegenüber eine sehr schlechte Einstellung. Wir sind zwar Immigranten, aber allem voran doch auch Menschen«, beschreibt Kofi den Konflikt. Anfangs habe er noch versucht, auf die Spanier zuzugehen, mit ihnen zu reden, ihnen zu erklären, warum er hier ist. Doch vergeblich.

Der Rassismus in der Region um Almería ist spürbar. Im Jahr 2000 gipfelte er in gewaltsamen Ausschreitungen, bei denen Einheimische in der Kleinstadt El Ejido eine regelrechte Hetzjagd auf Immigranten abhielten. Seitdem scheint sich wenig geändert zu haben, nach wie vor gehört Diskriminierung zum Alltag der Zugewanderten. Es geht so weit, dass Migranten der Zutritt zu den Restaurants und Kneipen der Spanier verweigert wird. »Ich bleibe fast immer zuhause, weil ich nur hier meine Ruhe habe«, verdeutlicht Kofi die Problematik. »Wenn ich an einem dieser Orte in Schwierigkeiten gerate, ist keiner da, der mir hilft. Ich habe keine Papiere und habe Angst hinauszugehen. Schon eine Kleinigkeit kann große Probleme mit sich bringen.«

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Mit »zuhause« meint Kofi ein kaltes, verlassenes Gebäude, in dem er mit anderen Migranten lebt. Die Zimmer sind nur notdürftig eingerichtet und der stechende Geruch von Schimmel liegt in der Luft. Oft befinden sich diese Cortijos abgelegen, fern jeglicher Infrastruktur, inmitten der weitläufigen Plantagen. In den meisten Fällen haben sie keinen Strom und verfügen nur selten über fließendes Wasser. Jene Migranten, die Arbeit haben, verbringen fast den ganzen Tag in den stickigen Gewächshäusern. Sie verdienen 20, maximal 30 Euro pro Tag und sind nicht versichert. »Vielleicht sind wir teilweise auch selbst verantwortlich für diese Situation, weil wir sie akzeptieren.«, überlegt Kofi.

Jeden Morgen versammeln sich unzählige Afrikaner an den staubigen Straßenecken der Kleinstadt und hoffen, dass ein Plantagenbesitzer vorbeikommt, der noch Arbeiter für den Tag braucht. Mit der Krise hat sich die Arbeitssituation der afrikanischen Migranten verschlechtert. Hatte man bis vor kurzem Afrikaner ohne Papiere noch toleriert, versucht man jetzt verstärkt, sie loszuwerden und durch Gastarbeiter aus den neuen EU-Ländern Rumänien und Bulgarien zu ersetzen.

Das Vertrauen in osteuropäische Arbeiter ist größer, man hält sie für konfliktloser. Hinzu kommen die vermeintlich geringeren kulturellen und religiösen Unterschiede. Damit sinkt die Chance afrikanischer Migranten ihren Aufenthaltsstatus zu legalisieren. Denn das spanische Fremdenrechtgesetz sieht vor, dass man, wenn man nachweist, dass man drei Jahre im Land gelebt hat und über einen Arbeitsvertrag verfügt, eine befristete Aufenthaltserlaubnis beantragen kann. Im Rekordjahr 2006 kamen 31.600 Menschen auf illegalem Weg nach Spanien. Für die meisten ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, dieses Bleiberecht einzufordern. Doch leicht wird es ihnen nicht gemacht. Viele Plantagenbesitzer versuchen aus dem Andrang und der Krise Profit zu schlagen. Sie bieten den Migranten die Arbeitsverträge, die sie für die Legalisierung ihrer Situation bräuchten, um einen Preis von bis zu 3000 Euro zum Verkauf an.

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Nur wenige Organisationen sind darum bemüht, diesem schwelenden Konflikt den Wind aus den Segeln zu nehmen. Meist sind es kirchliche Organisationen, so wie etwa die Hermanas Mercedarias de la Caridad, die sich um die Migranten kümmern. Ordensschwester Purificación Rodríguez Castillo sitzt am Tisch in ihrem hellen Wohnzimmer. Im Schrank an der Wand stapelt sich Post aus Afrika, adressiert an jene Migranten, die in den Cortijos leben und keine eigene Adresse besitzen. Mamá Puri, wie sie liebevoll genannt wird, ist in San Isidro de Níjar tätig, einem Dorf, das 40 Kilometer nördlich von Almería liegt. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Einwohnerzahl der Ortschaft auf 6917 verdoppelt. Zusätzlich, so schätzt Puri, halten sich zeitweise bis zu 1200 Migranten in irregulärer Situation im Ort auf. »Der Großteil von ihnen verfügt nur über geringe Bildung, eine sehr große Zahl sind Analphabeten und ein winziger Teil hat studiert.«, erklärt sie. »Dass sie ihre Heimat verlassen, hat zwei Hauptursachen. Einerseits besteht dort ein Mangel an Arbeit und andererseits herrschen Kriege. Sicherlich beeinflußt aber auch die Idee, dass man in Europa viel Geld verdienen und gut leben könne, ihre Entscheidung.«

Nahe einem Cortijo, in dem zwischen zwanzig und fünfundzwanzig junge Afrikaner leben, wimmelt es von spanischen Schülern. Eifrig helfen sie mit, ein kleines Feld zu errichten, auf dem die Migranten aus dem Cortijo Gemüse anbauen und sich dadurch selbst versorgen können. Mamá Puri holt regelmäßig Schüler ins Dorf, um die junge Generation für das Thema »Migration« zu sensibilisieren. Dennoch wirken Aktionen wie diese auf manch einen Migranten absurd. Immerhin waren viele der Zugewanderten in ihren Herkunftsländern Bauern und ein Großteil derer, die in San Isidro de Níjar strandet, arbeitet auch hier in der Landwirtschaft. Die Hermanas Mercedarias unterstützen Menschen, die in irregulärer Situation leben, vornehmlich dadurch, dass sie Informationen zugänglich machen, sie in rechtlichen Belangen beraten oder etwa Sprachkurse anbieten. An die Bedürftigsten verteilen sie Lebensmittel, Decken und Kleidung.

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Nicht alle sehen die Arbeit der Hermanas Mercedarias de la Caridad und Mamá Puri positiv. Sie würden die Migranten dadurch in eine materielle Abhängigkeit bringen, wird kritisiert. Oder aber auch, dass ihre Arbeit nur dafür gut wäre, das eigene Image aufzubessern. »Es gibt Versuche von Seiten der Kirche und NGOs Integration und gutes Zusammenleben zu fördern. Trotzdem muss man bedenken, dass sich Spanien sehr plötzlich aus einem Auswanderungs- in ein Einwanderungsland verwandelt hat. Die Immigration ging so schnell und massiv vor sich, dass Spanien nicht nachkommt und der Prozess der Anpassung an diese neue soziale Situation nur langsam und schwierig vorangeht.«, verteidigt Purificación Rodríguez Castillo ihre Position.

Unter den momentanen Umständen sieht Kofi für sich auf alle Fälle keine Zukunft mehr in Spanien. Er würde hier bleiben, hätte er Papiere und Arbeit. »Ich gehe dort hin, wo ich in Frieden leben kann. Hier ist das nicht möglich.«, erklärt er. Resigniert zieht er Bilanz: »Früher dachte ich, meine Zukunft würde sich hier in Europa abspielen, doch jetzt bin ich mir sicher, dass sie in Afrika liegt. Nur um meine Familie zu unterstützen, bin ich in diesem Land. Wenn ich aber keine Arbeit finde, was mache ich dann noch hier? Es ist vielleicht besser, zu ihnen zurückzukehren.«

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Verlorene Städte

Lateinamerika, Migration

Polizei. Alles geht blitzschnell. Schlagknüppel knallen auf nackte Haut. Auf der Ladefläche des Pick-ups drei Männer, sie werden die Nacht im Gefängnis verbringen. Ein Schatten springt aus dem Gebüsch. Hastig läuft er über die Schnellstraße, stößt beinahe mit einem LKW zusammen und verschwindet schließlich zwischen den schützenden Häuserschluchten.

»Es gibt so viele Vorurteile und keinen interessiert, was wirklich los ist.« Der 28-jährige Juan Carlos scharrt mit den Füssen im staubigen Boden. Seine dunklen Augen wirken müde, die Kleidung ist schmutzig. »Wir sind keine Kriminellen«, fügt er leise hinzu. Autos rasen auf der Schnellstraße neben dem Kanal vorbei. Über die Brücke, die den Grenzübergang mit dem Stadtzentrum verbindet, marschieren unzählige Touristen. Tijuana. In den vergangenen Jahrzehnten verwandelte sich die mexikanische Stadt direkt an der Grenze zu den USA in eine traurige Berühmtheit: der Drogenhandel, die Prostitution und die irreguläre Migration haben sie in aller Welt bekannt gemacht. Eigentlich kommt Juan Carlos aus dem Süden Mexikos, doch der amerikanische Traum hat ihn bis nach Tijuana gebracht.

Schätzungen des U.S. Department of Homeland Security zufolge lebten 2010 über 6,6 Millionen Mexikaner in irregulärer Situation in den Vereinigten Staaten. Im selben Jahr wurden beinahe 282.000 davon des Landes verwiesen. In einem Bus werden sie an die Grenze zu Mexiko gebracht und durch ein einfaches Tor im Grenzzaun ins Nachbarland entlassen. »Jeden Tag werden bis zu 250 Personen nach Tijuana abgeschoben. In den vergangenen Jahren waren es mehr, ungefähr 400 pro Tag.« Victor Clark Alfaro sitzt in seinem kleinen Büro direkt gegenüber des Gebäudes der Stadtverwaltung von Tijuana. Unzählige Anerkennungen schmücken die vergilbten Wände. Er ist Professor an der San Diego State University und Direktor des binationalen Zentrums für Menschenrechte in der mexikanischen Grenzstadt. »Die Menschen, die abgeschoben werden, haben keine Arbeit. Für viele ist in Tijuana Endstation. Das wird allmählich zu einem sozialen Problem«, glaubt er.

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Nur schwach beleuchtet das Deckenlicht den Speisesaal. In der kleinen Küche füllen freiwillige Helfer Schüsseln mit Essen. Dunkle Gestalten sitzen an den Tischen und schlürfen Bohnenmus. »Die finanziellen Mittel unserer Organisation sind stark limitiert. Darum können wir nur während der ersten zwei Wochen nach der Abschiebung einen Schlafplatz, Duschen und warmes Essen anbieten« erklärt Ofelia Gress de Vargas. Die zierliche Frau leitet eine Herberge für Migranten, die von der Heilsarmee finanziert wird. Für gewöhnlich nimmt sich anfangs die mexikanische Einwanderungsbehörde der Abgeschobenen an und stellt erste Informationen zur Verfügung. Von den Deportees wird erwartet, dass sie sich Arbeit suchen oder in ihren ursprünglichen Herkunftsort in Mexiko zurückkehren. Doch in Zeiten der Wirtschaftskrise gestaltet sich all das relativ schwierig. »In dieser Stadt gibt es 50.000 Arbeitslose. Es ist momentan äußerst kompliziert, Arbeit zu finden«, macht Victor Clark Alfaro die Problematik deutlich. Darum landen viele der Abgeschobenen nach Ablauf der ersten zwei Wochen mittellos auf der Straße.

Die Sonne wirft ein Glitzern auf das wenige Wasser im Kanal. Still zieht es quer durch die Stadt. Vor vierzig Jahren konnte sich das Wasser noch frei durch Tijuana schlängeln. Mitte der 70er Jahre wurde es dann in eine breite Beton-Wanne gepfercht, die heute das Stadtbild prägt. »Im Kanal leben ungefähr 1000 Menschen. Wieviele es aber wirklich sind, weiß man nicht so genau. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger.« Victor Clark Alfaro hat die Bewohner des Kanals besucht. Einer Sache ist er sich gewiss: »Dort unten befinden sich verlorene Städte. Wenn die Menschen in Tijuana davon wüssten, wäre das ein großer Skandal.«

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»Die mexikanische Polizei ist schlimmer, als die US-amerikanische, sie jagen uns wie Verrückte.« Der 25-jährige Gerardo ist dabei, seine wenigen Habseeligkeiten zusammenzusammeln. Ein paar Stunden zuvor war eine Patrouille in den Kanal gekommen und hat die Menschen, die dort leben, festgenommen. Gerardo konnte gerade noch über die Schnellstraße entkommen. »Sie fragen uns nicht, wie wir heißen. Und wenn wir Geld oder Dokumente vorweisen, nehmen sie uns diese einfach weg. Sie schlagen uns mit ihren Stöcken und werfen Essen und Medikamente in den Kanal.«

Gerardo hat zuvor einige Jahre als irregulärer Migrant in den USA verbracht. Dann wurde er abgeschoben. Die Korruption der mexikanischen Polizei ist allgemein bekannt. Immer wieder klagen Menschenrechtsaktivisten die Missstände an. Die Abgeschobenen werden zumeist ohne klare Gründe festgenommen. Sie werden einem Richter vorgeführt, der die Höhe der Strafe festlegt. Bis zu 36 Stunden verbringen sie danach in Polizeigewahrsam. »Diese Menschen werden von Polizei und Justiz regelrecht zu Illegalen und Gejagten im eigenen Land gemacht«, erklärt Viktor Clark Alfaro.

In einem Bericht vom Juli 2008 beschreibt er 187 Fälle von polizeilichem Fehlverhalten, die ihm während des Zeitraums von August 2007 bis April 2008 gemeldet wurden. Doch die meisten Fälle kommen aus Angst vor einem noch härteren Vorgehen der Polizei erst gar nicht zur Anzeige. Diese argumentiert ihr Vorgehen als Präventionsmaßnahme zur Bekämpfung der Kriminalität. Viele der Migranten, die im Kanal leben, würden Diebstähle begehen und auf der Straße herumlungern, bekräftigt auch Aurelio Martinez Paz, Vize-Chef der Polizei von Tijuana. Juan Carlos schiebt das Hosenbein bis zum Knie hoch. Ein blauer Fleck. Er schaffte es nicht, sich schnell genug vor der Polizei in Sicherheit zu bringen. Tränen steigen ihm in die Augen. »Niemand kommt zu uns und fragt, warum wir auf der Straße leben. Ich habe nichts Schlimmes getan.«

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Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher und Zeitschriften. Victor Clark Alfaro wirkt dahinter beinahe verloren. »Man darf sich aber auch nichts vormachen«, murmelt er, »es leben auch Kriminelle im Kanal.« Es gibt unzählige Gründe, warum jemand aus den USA abgeschoben wird. In den meisten Fällen handelt es sich um Kavaliersdelikte, wie etwa Vergehen im Straßenverkehr. Diejenigen die größerer Verbrechen angeklagt wurden, sitzen ihre Haftstrafe für gewöhnlich in einem US-amerikanischen Gefängnis ab, bevor sie nach Mexiko abgeschoben werden. »Im Kanal leben ehemalige Häftlinge und Banden-Mitglieder, aber auch unbescholtene Menschen«, erklärt Victor Clark Alfaro.

Der Kanal ist ein rechtsfreier Raum, der Stärkere gewinnt. Darum finden sich viele der Menschen dort in Gruppen zusammen, um sich selbst zu schützen. Das Leben auf der Straße ist hart, viele kommen damit nicht klar, verfallen den Drogen. »Manche der Menschen, die man im Kanal sieht, leben nicht dort. Sie gehen dorthin, um Drogen zu verkaufen«, erklärt Victor Clark Alfaro. Viele der Abgeschobenen schnüffeln Klebstoff, andere Drogen können sie sich nicht leisten. Der Traum, in die USA zurückzukehren, hat sich mit der Zeit in einen nebeligen Rauschzustand im schmutzigen Kanal Tijuanas verwandelt.

Untertags versuchen sie Arbeit auf einem der Gemüse-Märkte zu finden oder putzen die Autos, die am Grenzübergang zu den USA warten. So verdienen sie ein paar Pesos, um sich Essen zu kaufen oder ihre Abhängigkeit zu finanzieren. Auf politischer Ebene versucht man inzwischen eine Lösung für die Menschen im Kanal zu finden. »Man will ihnen Arbeit anbieten und sie so von der Straße wegholen«, weiß Victor Clark Alfaro zu berichten. »Das Problem ist aber, dass jeden Tag unzählige Personen nach Tijuana abgeschoben werden und so auch ständig neue Menschen im Kanal ankommen. Ich weiß nicht, ob man die gesamte Problematik so lösen wird können.«

Juan Carlos und Gerardo wollen das Leben auf der Straße jedenfalls hinter sich lassen. Sie halten sich fern von Drogen und Alkohol. Juan Carlos sagt, dass er, wenn er es nicht bald über die Grenze in die USA schafft, in seine Heimatstadt in Südmexiko zurückkehren wird. »Dort ist das Leben immer noch besser, als in Tijuana«, ist er sich sicher.

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